
- Alexander von Humboldt bereiste das Vizekönigreich Neuspanien, das heutige Mexiko, von der Landung in Acapulco im März 1803 bis zur Abreise über Veracruz im März 1804.
- Seine Begleiter waren der französische Botaniker Aimé Bonpland und der aus Quito stammende Carlos Montúfar.
- Er vermaß Vulkane wie Pico de Orizaba und Popocatépetl und stieg am 19. September 1803 in den Krater des Jorullo hinab.
- Sein Hauptwerk Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne erschien von 1808 bis 1811 und schätzte die Bevölkerung auf 5.837.100 Menschen.
- Allein Guanajuato brachte laut Humboldt zwischen 1766 und 1803 rund 175 Millionen Pesos an Gold und Silber hervor.
- 1827 erklärte Präsident Guadalupe Victoria ihn zum mexikanischen Staatsbürger.
Alexander von Humboldt verbrachte rund ein Jahr in Mexiko, von der Landung in Acapulco im März 1803 bis zur Abreise über Veracruz im März 1804. In dieser Zeit vermaß er Vulkane, fuhr in Silberbergwerke ein, sichtete Archive und legte mit dem Essai politique das Fundament der modernen Geografie des Landes.
Als Humboldt von Guayaquil kommend an der Pazifikküste landete, lagen vier Jahre Forschungsreise durch Venezuela, Kuba, Kolumbien, Ecuador und Peru hinter ihm. Mexiko wurde die letzte und in mancher Hinsicht ergiebigste Station seiner amerikanischen Expedition. Anders als in den Urwäldern des Orinoco fand er hier eine hochentwickelte Kolonie vor, mit wissenschaftlichen Einrichtungen, reichem Bergbau und umfangreichen Archiven. Bemerkenswert ist, dass er nur einen kleinen Teil des riesigen Vizekönigreichs tatsächlich bereiste, nämlich den zentralen Hochlandkern zwischen den beiden Ozeanen. Dennoch gelangen ihm Verallgemeinerungen über die Geografie des Landes, die sich erstaunlich gut gehalten haben.
Die Ankunft in Acapulco und der Aufbruch ins Hochland
Humboldt landete nach der maßgeblichen Chronologie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 22. März 1803 in Acapulco. Schon hier zeigte sich, wie privilegiert er reiste. Vizekönig José de Iturrigaray stellte ihm einen Sonderpass aus, der ihm das Reisen durch ganz Neuspanien erlaubte, dazu Empfehlungsschreiben an die Intendanten, die höchsten Verwaltungsbeamten der Provinzen. Damit öffneten sich ihm Archive, Bergwerke, Haciendas und Sammlungen, die selbst spanischen und kreolischen Gelehrten meist verschlossen blieben.
Am 29. März brach Humboldt auf dem Landweg nach Mexiko-Stadt auf. Die einzige Route, die die Hauptstadt damals mit dem Pazifik verband, führte durch unwegsames Gebirge und war nur für Maultierkarawanen geeignet. Die Akademiechronologie verzeichnet die Stationen genau, von La Moxonera über Chilpancingo, Zumpango, Mezcala und Tepecoacuilco bis Taxco und Puente de Ixtla, erreicht zwischen dem 1. und dem 10. April. Auf dem gesamten Weg nahm Humboldt Höhenmessungen vor, aus denen später eines der berühmten Profile des Essai entstand.
Auf diesem Anstieg ereignete sich eine der schönsten Anekdoten der Reise. In der Nähe von Chilpancingo sah Carlos Montúfar, der am Äquator in Quito geboren war, zum ersten Mal in seinem Leben einen Nadelwald. Humboldt hielt fest, wie fremdartig dem jungen Mann die scheinbar blätterlosen Koniferen erschienen, weil er glaubte, schon eine Vorstufe der Kälte des Nordens zu erblicken.
Aufenthalt in Mexiko-Stadt
Um den 11. April 1803 traf die Reisegesellschaft in Mexiko-Stadt ein, wo Humboldt mit Unterbrechungen bis zum 20. Januar 1804 blieb. Auf dem Weg dorthin hatte er in Taxco, einer alten Silberstadt im heutigen Bundesstaat Guerrero, erste Bekanntschaft mit dem mexikanischen Bergbau gemacht und Cuernavaca im heutigen Morelos besucht, das in Anlehnung an seine Beschreibung des milden Klimas oft die Stadt des ewigen Frühlings genannt wird.
Er wohnte in einem Haus im historischen Zentrum, dessen Adresse heute in der Calle República de Uruguay südlich des Zócalo liegt. Die meiste Zeit verbrachte er in den Archiven der Kolonialverwaltung und im Real Seminario de Minería, der Bergakademie. Hier sammelte er die statistischen, demografischen und wirtschaftlichen Daten, die später das Rückgrat seines Mexiko-Werks bildeten. Bereits während des Aufenthaltes übergab er dem Vizekönig seine Tablas geográfico políticas del Reino de Nueva España, eine erste statistische Zusammenfassung. Sie zirkulierte bald in handschriftlichen Kopien und nützte sowohl der Kolonialregierung als auch deren späteren Gegnern.
Die Bergakademie und die Begegnung mit Andrés Manuel del Río
Das Real Seminario de Minería, ein Vorläufer der heutigen Ingenieurfakultät der Nationaluniversität UNAM, war für Humboldt ein Glücksfall. Es ähnelte seiner eigenen Ausbildungsstätte, der Bergakademie Freiberg in Sachsen. Mehr noch, zwei der führenden Köpfe des Seminars hatten ebenfalls in Freiberg studiert. Der eine war Fausto de Elhuyar, Direktor des Seminars, der mit seinem Bruder Juan José das Element Wolfram isoliert hatte. Der andere war Andrés Manuel del Río, Professor für Mineralogie und ein alter Studienkamerad Humboldts aus Freiberg. Humboldt absolvierte zwischen April 1803 und Januar 1804 drei wissenschaftliche Aufenthalte am Seminar, prüfte Daten, fertigte Karten an, hielt Vorträge und nahm an den Prüfungen der Studenten teil.
Mit del Río verbindet sich eine der folgenreichsten Anekdoten von Humboldts Mexiko-Aufenthalt. Del Río hatte 1801 in einem braunen Bleierz aus Zimapán ein neues Element entdeckt, das er zunächst Panchromium und später Erythronium nannte. Als Humboldt Mexiko verließ, nahm er eine Probe des Minerals samt del Ríos chemischer Beschreibung nach Europa mit, um sie zu veröffentlichen. Der französische Chemiker Collet-Descotils analysierte die Probe und kam zu dem falschen Schluss, es handle sich nur um Chrom. Del Ríos Manuskript ging zudem bei einem Schiffsunglück verloren. Erst rund drei Jahrzehnte später, 1831, wurde das Element vom schwedischen Chemiker Nils Gabriel Sefström wiederentdeckt und nach der nordischen Göttin Vanadis Vanadium getauft. Del Río war über Humboldts Fehler zeitlebens verbittert. Heute gilt er als der eigentliche Entdecker des Vanadiums, des einzigen nicht radioaktiven Elements, das außerhalb Europas entdeckt wurde.
Vulkane vermessen, Krater erkunden
Humboldts wissenschaftliche Leidenschaft galt den Vulkanen, und Mexiko bot ihm davon reichlich. Auf seinen Exkursionen vermaß er die mächtigen Berge des transmexikanischen Vulkangürtels. Den Pico de Orizaba, der in der Nahuatl-Sprache Citlaltépetl heißt, also Berg des Sterns, bestimmte er aus der Ferne. Mit 5.636 Metern ist er der höchste Berg Mexikos und nach Denali und Mount Logan der dritthöchste Nordamerikas. Ebenso bestimmte Humboldt die Höhen von Popocatépetl und Iztaccíhuatl, den beiden schneebedeckten Wächtern über dem Tal von Mexiko.
Der eindrucksvollste Aufstieg galt dem Jorullo in Michoacán. Dieser Vulkan war erst am 29. September 1759 aus einer landwirtschaftlich genutzten Ebene heraus entstanden, einer der ganz wenigen Vulkane, deren Geburt in historischer Zeit dokumentiert ist. Genau das machte ihn für Humboldt so reizvoll. Am 19. September 1803 bestieg er den noch immer rauchenden Kegel, gemeinsam mit Aimé Bonpland, dem baskischen Siedler Ramón Epelde und zwei indigenen Helfern, deren Namen nicht überliefert sind. An einem Seil gesichert stieg Humboldt bis auf den Grund des Kraters hinab. Er bestimmte Höhe, Temperatur und die Zusammensetzung der austretenden Gase und fand eine bemerkenswert hohe Konzentration von Kohlensäure, also Kohlendioxid. Die Gesichter der Reisenden verbrannten in der glühenden Hitze. Humboldt zeichnete die kleinen dampfenden Erdkegel, die er nach seinen lokalen Gesprächspartnern Hornitos nannte, kleine Öfen. Für seine Höhenberechnung zog er auch das lateinische Lehrgedicht Rusticatio Mexicana des Jesuiten Rafael Landívar von 1782 heran.
Auf der Rückreise verbrachte Humboldt einen ganzen Tag auf dem Nevado de Toluca. Wenige Monate später, am 7. Februar 1804, bestieg er auf dem Weg nach Veracruz den Cofre de Perote, von den indigenen Bewohnern Nauhcampatépetl genannt, der Berg mit den vier Seiten. Hier entwickelte er Überlegungen zu seiner Theorie der Erhebungskrater, die später kontrovers diskutiert und schließlich verworfen wurde.
Die Silberbergwerke von Neuspanien
Als ausgebildeter Bergbaufachmann fuhr Humboldt in Mexiko in zahlreiche Gruben ein. Im Mai 1803 unternahm er eine Exkursion in das Bergbaurevier von Pachuca, Real del Monte und Morán im heutigen Bundesstaat Hidalgo. Er besuchte die Gruben des Grafen von Regla und bestieg den Cerro de las Navajas, den Berg der Messer, eine bedeutende Obsidianlagerstätte.
Den Höhepunkt bildete der Besuch von Guanajuato im August und September 1803. Dort besuchte er die berühmte Mine La Valenciana, die im 18. Jahrhundert zur wichtigsten Silberproduzentin der Welt aufgestiegen war. Sie beschäftigte damals rund dreitausend Arbeiter und wurde in einer Tiefe von etwa 185 Metern ausgebeutet. In seinem Essai politique hielt Humboldt fest, dass allein die Minen von Guanajuato zwischen 1766 und 1803 etwa 175 Millionen Pesos an Gold und Silber hervorgebracht hatten. Was er in den Gruben sah, entsetzte ihn jedoch auch. Er kritisierte scharf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der indigenen Bergleute. Diese Kritik trug wesentlich dazu bei, dass Humboldt in Mexiko später als Teil der geistigen Vorgeschichte der Unabhängigkeit wahrgenommen wurde.
Das Essai politique und das Land der Ungleichheit
Humboldts wichtigstes Mexiko-Werk ist das Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne, der Politische Versuch über das Königreich Neuspanien, der von 1808 bis 1811 in Paris erschien. Es war die erste systematische wissenschaftliche Beschreibung der Neuen Welt und gilt als Geburtsstunde der modernen Geografie in Mexiko. Das Werk behandelt in sechs Büchern die physische Geografie, die Bevölkerung und ihre Kasten, die Landwirtschaft, den Bergbau, das Handelswesen sowie die Staatsfinanzen und die militärische Verteidigung.
Humboldts demografische Daten beruhten vor allem auf dem Generalzensus von 1793. Für 1803 schätzte er die Bevölkerung Neuspaniens auf 5.837.100 Menschen, die er in rund 2,5 Millionen Indigene, etwa 600.000 Spanier sowie verschiedene Kasten gemischter Herkunft aufschlüsselte. Sein berühmtestes Urteil lautet, Mexiko sei das Land der Ungleichheit, im spanischen Wortlaut „México es el país de la desigualdad“. Nirgends, so Humboldt, sei die Verteilung von Vermögen, Zivilisation, Bodenbebauung und Bevölkerung erschreckender ungleich. Diese Worte aus dem zweiten Buch wurden zu einem der meistzitierten Sätze über das koloniale Mexiko.
Auch die wirtschaftliche Bedeutung des mexikanischen Silbers stellte Humboldt eindrücklich dar. Nach seinen Berechnungen erzeugte Neuspanien um 1800 rund zwei Drittel der weltweiten Silberproduktion. Die jährlichen Einkünfte der Kolonie bezifferte er auf etwa zwanzig Millionen Piaster, von denen rund sechs Millionen an die spanische Staatskasse und etwa 3,5 Millionen an andere Kolonien abflossen, vor allem nach Kuba.
Wirkung auf Mexiko und Mexikos Wirkung auf Humboldt
Die Wechselwirkung war beidseitig. Humboldts Statistiken und Karten wurden zur Grundlage des Selbstbildes des werdenden mexikanischen Staates. Führende Denker der Unabhängigkeit und der frühen Republik wie José María Luis Mora, Lucas Alamán, Lorenzo de Zavala und Fray Servando Teresa de Mier griffen auf seine Daten zurück. Alamán war so beeindruckt, dass er Humboldt einlud, im Land zu bleiben. Die Anerkennung kulminierte darin, dass Präsident Guadalupe Victoria ihn 1827 zum mexikanischen Staatsbürger erklärte.
Umgekehrt prägte Mexiko Humboldts Werk. Das Land lieferte ihm das reichste Material seiner ganzen Reise für Fragen der Wirtschaftsgeografie, der Bevölkerungsstatistik und der Beziehung zwischen Höhe, Klima und menschlicher Besiedlung. Mexiko war für ihn das Musterbeispiel einer Kolonie auf dem Weg in die Eigenständigkeit. Er argumentierte, ohne es offen auszusprechen, dass Neuspanien aufgrund seiner Ressourcen und seiner Lage zwischen Pazifik und Atlantik einen eigenen politischen Wert besitze.
Frühes Umweltdenken in Mexiko
Humboldt gilt heute vielen als einer der ersten Pioniere des Umweltbewusstseins. Seine grundlegende Einsicht, dass die Natur ein vernetztes Ganzes ist, in dem jeder menschliche Eingriff Folgen hat, geht auf seine Beobachtungen am Valenciasee im heutigen Venezuela aus dem Jahr 1800 zurück. Dort erkannte er, dass die Abholzung der Wälder die Quellen versiegen ließ, die Flüsse in reißende Sturzbäche verwandelte, den Boden auswusch und das lokale Klima trockener und heißer machte.
In Mexiko fand dieses Denken konkrete Anwendung. Im Tal von Mexiko beobachtete Humboldt die Austrocknung und Versalzung der Seenlandschaft und führte sie auf die menschlichen Eingriffe seit der Eroberung zurück, besonders auf den großen Entwässerungskanal von Huehuetoca, den desagüe real. Er kritisierte, dass die Eroberer das fruchtbare Tal von Tenochtitlan in einen kahlen Boden verwandelt und seit dem 16. Jahrhundert ohne Maß die Bäume gefällt hätten. Er empfahl eine kluge Wasserwirtschaft mit kleinen Bewässerungskanälen, um dem Tal seine alte Fruchtbarkeit zurückzugeben. Auch im Bergbau registrierte er den gewaltigen Verbrauch von Holz und Schießpulver in den Minen, ein früher Hinweis auf die ökologischen Kosten der Silbergewinnung.
Biodiversität, Pflanzengeografie und die Höhenstufen der Vegetation
Auf ihrer gesamten amerikanischen Reise sammelten Humboldt und Bonpland rund 60.000 Pflanzenexemplare und entdeckten dabei etwa 3.600 für die europäische Wissenschaft neue Arten. In Mexiko vertiefte Humboldt sein Konzept der Pflanzengeografie. Die Grundidee hatte er beim Aufstieg zum Vulkan Chimborazo in Ecuador entwickelt und 1803 erstmals skizziert. Daraus entstand das berühmte Naturgemälde der Anden, ein Querschnitt durch den Berg, der die Vegetationszonen von der tropischen Talsohle bis zum eisigen Gipfel zeigt und sie mit Messdaten zu Temperatur, Druck und Schwerkraft verbindet. Es erschien ab 1807 in seinem Werk Ideen zu einer Geographie der Pflanzen.
Für Mexiko prägte Humboldt im Essai die bis heute gebräuchlichen Begriffe der vertikalen Klima- und Vegetationsstufen. Er beschrieb als Erster systematisch die tierra caliente, das heiße Tiefland, die tierra templada, das gemäßigte mittlere Stockwerk, und die tierra fría, das kühle Hochland. Damit löste er die Pflanzen aus ihrer rein taxonomischen Einordnung und betrachtete sie aus dem Blickwinkel von Klima und Standort. Dieser Ansatz begründete das heutige Verständnis von Ökosystemen mit.
Beitrag: Biodiversität in Mexiko
Mexikos Altertümer in den Vues des Cordillères
Humboldt war auch von der vorspanischen Vergangenheit Mexikos fasziniert und gilt manchen als ein Gründungsvater der amerikanistischen Altertumskunde. In seinem Werk Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l’Amérique, den Ansichten der Kordilleren, das ab 1810 erschien, reproduzierte er Zeichnungen mexikanischer Altertümer. Seine einzige größere archäologische Exkursion führte ihn nach Cholula und Xochicalco. Die Pyramide von Cholula, deren Volumen größer ist als das der Cheopspyramide von Gizeh, hielt er in einem viel reproduzierten Stich fest, mit der spanischen Kapelle Nuestra Señora de los Remedios auf der Spitze und dem schneebedeckten Pico de Orizaba im Hintergrund.
Er beschrieb auch den Palast von Mitla in Oaxaca und gab den Namen mit Mansión de tristeza wieder, Wohnsitz der Trauer. Aus der Sammlung des verstorbenen Gelehrten Antonio de León y Gama, die auf die Sammlung Boturini zurückging, erwarb Humboldt sechzehn bildliche Dokumente, die sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin befinden. Ungewöhnlich für seine Zeit verglich er die indigenen Kunstwerke ausdrücklich mit den Altertümern Griechenlands, Roms und Ägyptens. Zugleich blieb er, wie die Forschung herausgearbeitet hat, in eurozentrischen Denkmustern verhaftet.
Wenig bekannte Fakten und ein hartnäckiger Mythos
Eine populäre Geschichte besagt, Humboldt habe den Weihnachtsstern aus Mexiko nach Europa gebracht. Diese Pflanze trägt den lateinischen Namen Euphorbia pulcherrima, den Nahuatl-Namen Cuetlaxochitl und den spanischen Namen Nochebuena. Die Geschichte ist eine Vereinfachung mit Mythos-Anteil. Korrekt ist, dass Humboldt und Bonpland die Pflanze sammelten und Material nach Europa brachten. Sie waren jedoch nicht die Ersten, denn die spanische Botanische Expedition unter Martín de Sessé und José Mariano Mociño hatte sie früher gesammelt. Der wissenschaftliche Name geht auf Carl Ludwig Willdenow zurück, wurde aber erst 1834 von Johann Friedrich Klotzsch gültig veröffentlicht, weshalb die Autorenangabe Willd. ex Klotzsch lautet.
Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten Humboldt-Kaktus, lateinisch Mammillaria humboldtii. Der Botaniker Carl August Ehrenberg benannte ihn nach Humboldt, obwohl dieser die Pflanze nie gesehen hatte und sich auch nicht in der Region aufhielt, in der sie heimisch ist. Auch über Humboldts Reisebegleiter Carlos Montúfar kursieren interessante Fakten. Der junge Aristokrat aus Quito, Sohn des Marqués de Selva Alegre, hatte sich der Expedition 1802 angeschlossen und begleitete Humboldt bis nach Europa. Später wurde Montúfar zu einer Führungsfigur der Unabhängigkeitsbewegung und kämpfte an der Seite Simón Bolívars, bevor er 1816 von den Spaniern hingerichtet wurde.
Die Abreise über Veracruz
Am 20. Januar 1804 verließ Humboldt Mexiko-Stadt in Richtung Atlantikküste. Sein Weg führte über Puebla, das er nach Mexiko-Stadt, Havanna und Guanajuato für die schönste Stadt Hispanoamerikas hielt, und über die Pyramide von Cholula. Nach der Besteigung des Cofre de Perote erreichte er am 8. Februar 1804 den Hafen Veracruz, den damals einzigen Ausgangspunkt für Transatlantikschiffe. Am 7. März 1804 schiffte er sich nach Havanna ein, von wo aus die Reise weiter in die Vereinigten Staaten und schließlich zurück nach Europa führte. Insgesamt hielt Humboldt die Ergebnisse seiner gesamten amerikanischen Reise auf rund 60.000 Seiten fest. Sein mexikanisches Jahr lieferte den dichtesten und datenreichsten Teil dieses Vermächtnisses.
Ausblick und offene Forschungsfragen
Humboldts mexikanisches Jahr war kein bloßer Abstecher, sondern ein Wendepunkt. Es schenkte der Welt das erste moderne Porträt eines amerikanischen Landes und Mexiko ein wissenschaftliches Selbstbild, das bis heute trägt. Wer tiefer einsteigen möchte, findet die Primärquellen heute größtenteils frei zugänglich. Das Essai politique liegt digitalisiert über die Französische Nationalbibliothek und die Biodiversity Heritage Library vor, die Reisetagebücher und eine genaue Chronologie über die Akademieausgabe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Offen bleibt in der Forschung weiterhin, wie stark Humboldts Daten die ökonomische Argumentation der mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung im Detail prägten und wie sein zwiespältiges Verhältnis zwischen Kolonialkritik und eurozentrischem Blick einzuordnen ist.
Quellen und Literatur
- Humboldt, A. von (1808 bis 1811): Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne. Schoell, Paris. Digitalisat über gallica.bnf.fr und biodiversitylibrary.org
- Humboldt, A. von (1810 bis 1813): Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l’Amérique. Schoell, Paris. Digitalisat über digital.staatsbibliothek-berlin.de
- Humboldt, A. von (1807): Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer. Cotta, Tübingen.
- Ette, O. (Hrsg.): edition humboldt digital. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Chronologie der amerikanischen Reise. edition-humboldt.de/chronologie/
- Lack, H. W. (2011): The discovery, naming and typification of Euphorbia pulcherrima (Euphorbiaceae). Willdenowia 41(2), 301 bis 309. doi.org/10.3372/wi.41.41212
- Wulf, A. (2016): Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. Bertelsmann, München.
- Universität Bern, Digitalphilologie: Transversalkommentar Kolonialismus zur edition humboldt. humboldt.unibe.ch/erschliessung/transversal/13_kolonialismus
- Ordóñez, E.: El Cofre de Perote. Boletín de la Sociedad Geológica Mexicana, Band 1. boletinsgm.igeolcu.unam.mx
- Arqueología Mexicana: La colección de códices de la Biblioteca Nacional de Antropología e Historia. arqueologiamexicana.mx







