- CONABIO (Comisión Nacional para el Conocimiento y Uso de la Biodiversidad) entstand am 16. März 1992 als ständige behördenübergreifende Kommission der mexikanischen Bundesregierung.
- Sie betreibt das Sistema Nacional de Información sobre Biodiversidad (SNIB) mit mehr als 42 Millionen Fundnachweisen, eine der weltweit größten Biodiversitätsdatenbanken eines einzelnen Landes.
- Gründer und Coordinador Nacional von 1992 bis 2022 war der Ökologe José Sarukhán Kermez, Träger des Tyler-Preises 2017.
- Mexiko gehört zu den megadiversen Ländern; auf rund 1,5 Prozent der Landfläche leben etwa 10 bis 12 Prozent aller bekannten Arten der Welt.
- Frei zugängliche Portale sind unter anderem EncicloVida, das Geoportal, NaturaLista und das Mangroven-Monitoring der Halbinsel Yucatán.
- In Yucatán, Quintana Roo und Campeche arbeitete CONABIO von 2002 bis 2018 im Corredor Biológico Mesoamericano-México.
- Seit 2019 steht ein Umbau zur nachgeordneten Behörde im Raum; Anfang 2026 arbeitet die Kommission weiter behördenübergreifend, und der Finanzierungstreuhand besteht fort.
Die CONABIO ist Mexikos zentrale Einrichtung für das Wissen über die biologische Vielfalt des Landes. Sie sammelt, ordnet und veröffentlicht Daten zu Zehntausenden Arten, betreibt frei zugängliche Datenbanken und berät die Regierung. Verwaltungsmacht hat sie keine, wissenschaftlichen Einfluss dagegen erheblichen, im In- und Ausland.
Kaum eine andere Umweltinstitution Lateinamerikas ist so oft als Vorbild zitiert worden. Zugleich kämpft CONABIO seit Jahren um ihren rechtlichen Status und ihre Finanzierung. Wer die mexikanische Naturforschung verstehen will, kommt an dieser Kommission nicht vorbei, weder bei der Frage nach der Zahl der Kolibris auf der Halbinsel Yucatán noch bei der nach dem Zustand der Mangrovenwälder.
Was CONABIO ist und was sie nicht ist
CONABIO ist eine intersekretarielle Kommission, keine klassische Behörde. Sie wurde 1992 per Präsidialdekret als ständiges Gremium geschaffen und bündelt heute zehn Ministerien (Secretarías), von Umwelt über Landwirtschaft und Wirtschaft bis Tourismus. Vorsitzende der Kommission ist qua Amt die Präsidentin der Republik, aktuell Claudia Sheinbaum. Technische Sekretärin ist die Leiterin des Umweltministeriums SEMARNAT, derzeit Alicia Bárcena. Das Tagesgeschäft führt ein operatives Team unter dem Exekutivsekretär Raúl Jiménez Rosenberg.
Der Auftrag ist beratend und wissensbezogen. CONABIO erlässt keine Gesetze und vollzieht keine Strafen. Sie liefert Daten, Analysen und Karten, damit Ministerien, Bundesstaaten und Öffentlichkeit fundierter entscheiden können. Diese Rollentrennung ist gewollt. Die Stärke der Kommission liegt gerade darin, dass sie über einzelne Ressorts hinweg arbeitet und nicht selbst Partei im Streit um Bauprojekte oder Nutzungsrechte ist.
Sarukhán und die Gründung als mexikanischer Beitrag zum Erdgipfel
Die Idee zu CONABIO reifte 1991, im Vorfeld der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. Mexiko wollte mit einer eigenen Institution zeigen, wie ein megadiverses Land sein Naturerbe systematisch erfassen kann. Treibende Kraft war José Sarukhán Kermez, Pflanzenökologe, zweifacher Rektor der Universität UNAM und Gründer des dortigen Instituts für Ökologie.
Sarukhán leitete die Kommission als Coordinador Nacional von 1992 bis 2022, die ersten 18 Jahre ehrenamtlich, ab 2010 als hauptamtlicher Direktor. Er prägte den Grundsatz, dass Biodiversitätspolitik nur so gut ist wie die Daten, auf denen sie beruht. 2017 erhielt er den Tyler-Preis, der oft als Umwelt-Nobelpreis bezeichnet wird. 2022 trat er nach einem Streit mit dem Umweltministerium über die Besetzung des Exekutivsekretärs zurück und kehrte als Forscher an die UNAM zurück. Sein Rückzug gilt vielen als Einschnitt in der Geschichte der Kommission.
Das SNIB – eine der größten Biodiversitätsdatenbanken der Welt
Das Herzstück von CONABIO ist das Sistema Nacional de Información sobre Biodiversidad, kurz SNIB. Seine Einrichtung ist gesetzlich vorgeschrieben, Artikel 80 des Umweltrahmengesetzes LGEEPA weist der Kommission diese Aufgabe ausdrücklich zu. Das System führt Fundnachweise aus biologischen Sammlungen, Monitoring-Programmen, wissenschaftlichen Studien und Bürgerbeobachtungen zusammen.
Der Umfang ist beachtlich. Über das Geoportal sind heute mehr als 42 Millionen Datensätze abrufbar, überwiegend mit geografischen Koordinaten. Zum Vergleich nannte Sarukhán bei seinem Abschied 2022 noch rund 25 Millionen Exemplare. Damit zählt das SNIB zu den größten für ein einzelnes Land aufgebauten Biodiversitätsdatenbanken überhaupt. Jeder Datensatz durchläuft eine Qualitätsprüfung; Einträge ohne Koordinaten oder mit erkennbaren taxonomischen Fehlern werden vor der Veröffentlichung aussortiert.
Der Nutzen entsteht aus der Verknüpfung. Über das SNIB lässt sich fragen, welche Vögel im Nevado de Toluca nachgewiesen sind oder welche Reptilien in einem bestimmten Umkreis registriert wurden. Genau diese Verschneidung von Artdaten mit politischen Grenzen, Schutzgebieten und Ökoregionen macht das System für Planung und Forschung wertvoll.
Die Datenbanken und Portale im Einzelnen
Rund um das SNIB hat CONABIO mehrere öffentliche Zugänge gebaut, jeder für eine andere Zielgruppe.
EncicloVida ist das Artenlexikon für die breite Öffentlichkeit. Es erschließt die SNIB-Daten über wissenschaftliche und volkstümliche Namen und zeigt zu jeder Art Verbreitung, Fotos und Schutzstatus nach der mexikanischen Norm NOM-059. Nutzer können Arten nach Bundesstaat, Gemeinde oder Schutzgebiet filtern und sich eigene Feldführer als Download erstellen. Eine Besonderheit ist der Verbraucherampel für nachhaltige Fischerei, die beim Einkauf Orientierung geben soll.
Das Geoportal richtet sich an alle, die mit Geodaten arbeiten. Es stellt Karten zu Vegetation, Böden, Klima, Schutzgebieten und Artverbreitung bereit, zum Ansehen und zum Download. Aufgebaut ist es vollständig mit quelloffener Software, der Zugang ist frei. Für QGIS-Nutzer und Kartografen ist es die erste Adresse für mexikanische Umweltlayer.
NaturaLista ist die mexikanische Ausgabe der internationalen Plattform iNaturalist, betrieben von CONABIO. Hier laden Bürgerinnen und Bürger Fotos von Pflanzen und Tieren hoch, die Gemeinschaft bestimmt sie, und geprüfte Beobachtungen fließen zurück ins SNIB. So verbindet die Kommission professionelle Forschung mit Citizen Science.
Dazu kommen die Bioteca als bibliografisches Archiv, das Bilderarchiv (banco de imágenes) und das Kinderportal El país de las maravillas für die Umweltbildung an Schulen.
Monitoring aus dem All – Wälder, Feuer und Mangroven
Neben Artdaten betreibt CONABIO mehrere fernerkundungsbasierte Beobachtungssysteme, die sich an Behörden und Forschung richten.
Das Sistema de Alerta Temprana de Incendios wertet Satellitendaten aus und meldet Wärmeherde nahezu in Echtzeit, eine Grundlage für die Waldbrandbekämpfung. Das System MAD-MEX überwacht die Landbedeckung und dokumentiert damit Entwaldung und Landnutzungswandel über die Zeit. Das Sistema de Monitoreo de Manglares de México verfolgt Ausdehnung und Zustand der Mangroven, das Sistema de Información y Análisis Marino Costero bündelt Daten für Küsten und Meere.
Ergänzend baut CONABIO mit dem Netz SiPeCaM feste Kalibrier- und Monitoringstellen im Gelände auf und dokumentiert mit dem SIAgroBD die Agrobiodiversität, also die Vielfalt der Nutzpflanzen und ihrer wilden Verwandten. Für ein Land, das als eines der wichtigsten Domestizierungszentren der Welt gilt, ist Letzteres von besonderem Gewicht. Mais, Bohnen, Kürbis, Chili, Kakao und Vanille haben hier ihren Ursprung.
Projekte in Yucatán und auf der Halbinsel
Auf der Halbinsel Yucatán hat CONABIO über Jahre hinweg gearbeitet, dort treffen tropischer Trockenwald, Karstlandschaft und ausgedehnte Küstenökosysteme aufeinander.
Das prägendste Vorhaben war der Corredor Biológico Mesoamericano-México. Von 2002 bis 2018 verband dieses Programm Schutzgebiete durch Korridore, in denen nachhaltige Nutzung die biologische Vernetzung erhalten sollte. Finanziert wurde es zunächst vom Global Environment Facility mit der Weltbank als durchführender Stelle, ab 2009 übernahm CONABIO die Trägerschaft. Es arbeitete in Campeche, Chiapas, Quintana Roo und Yucatán, später auch in Oaxaca und Tabasco, und umfasste neun Korridore, darunter Calakmul und die Verbindung Sian Ka’an bis Calakmul. Eine Regionalkoordination mit Sitz in Chetumal betreute die Halbinsel. Der Ansatz war ausdrücklich sozial gedacht. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern wurden in die lokale Planung eingebunden, Armutsbekämpfung und Artenschutz sollten zusammengehen.
Ein zweiter Schwerpunkt sind die Mangroven. Die Halbinsel Yucatán trägt die größten Mangrovenbestände Mexikos, von Celestún im Westen über Ría Lagartos bis Sian Ka’an im Süden. CONABIOs Mangroven-Monitoring vergleicht Satellitenbilder von den 1970er und 1980er Jahren bis in die Gegenwart, eine Aktualisierung erschien 2020. Die vier mexikanischen Mangrovenarten, die Rote Mangrove (Rhizophora mangle), die Schwarze Mangrove (Avicennia germinans), die Weiße Mangrove (Laguncularia racemosa) und die Knopfmangrove (Conocarpus erectus), stehen alle unter der Schutznorm NOM-059. Mangroven sind hochwirksame Kohlenstoffspeicher, Kinderstube für Fische und Vögel und natürlicher Schutz vor Sturmfluten. Ihre Erfassung liefert Argumente in der Auseinandersetzung um Küstenbebauung und Tourismus.
Über die Halbinsel hinaus unterstützt CONABIO die Bundesstaaten beim Aufbau eigener Biodiversitätsstrategien. Bis 2025 arbeitete die Kommission dabei mit 30 Bundesstaaten zusammen, das entspricht 93 Prozent der Länder, unter ihnen Yucatán, Campeche und Quintana Roo.
Die aktuelle Debatte – Umbau, Finanzierung und Zukunft
Der wunde Punkt der Kommission ist ihre Rechtsform. CONABIO verfügt über keinen eigenen Haushaltstitel im Bundesbudget. Ihre Mittel laufen seit 1993 über einen privaten Treuhandfonds, den Fondo para la Biodiversidad (FFB). Über ihn konnte die Kommission steuerlich absetzbare Beiträge aus dem In- und Ausland annehmen, etwa von der japanischen Entwicklungsagentur, vom Global Environment Facility und von der Weltbank.
Genau dieses Konstrukt geriet unter Druck. Der oberste Rechnungshof hatte die Struktur schon 2013 beanstandet. 2019 kündigte das damals von Víctor Toledo geführte Umweltministerium an, CONABIO von einer intersekretariellen Kommission in eine dezentralisierte öffentliche Einrichtung (organismo público descentralizado) umzuwandeln und den Treuhandfonds aufzulösen. Kritiker warnten, ein bloß nachgeordneter Status ohne eigene Rechtspersönlichkeit würde die Unabhängigkeit der Kommission untergraben. 2024 berichteten Medien, ein Dekret zur Auflösung der Kommission und ihrer Überführung in eine Abteilung des Ministeriums stehe unmittelbar bevor.
Vollzogen ist dieser Schritt bislang nicht. Nach der eigenen Transparenzberichterstattung von CONABIO befand sich der Treuhandfonds Anfang 2026 nicht in Auflösung, und die Kommission wies für den Fonds weiterhin laufende Salden aus. Auf ihrer Selbstdarstellung tritt CONABIO unverändert als intersekretarielle Kommission mit zehn Ministerien unter Vorsitz der Präsidentin auf. Der institutionelle Umbau bleibt damit ein offener Streitpunkt, keine abgeschlossene Tatsache. Wer den Status der Kommission zitiert, sollte das aktuelle Datum mitprüfen, denn die Lage kann sich ändern.
Wichtige Publikationen
CONABIOs bekanntestes Werk ist Capital Natural de México, eine fünfbändige Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt des Landes. Sie baut auf einer ersten Länderstudie von 1998 auf. Allein die ersten drei Bände umfassen 45 Kapitel, an denen 648 Autorinnen und Autoren aus 227 Einrichtungen mitwirkten, geprüft von 96 externen Gutachtern. Das Werk reicht von der Bestandsaufnahme der Arten über den Zustand der Ökosysteme bis zu Politikempfehlungen und Zukunftsszenarien. Eine englischsprachige Zusammenfassung erschien 2015 in der Fachzeitschrift BioScience.
Für die Halbinsel besonders relevant ist der Band Manglares de México zur Ausdehnung und Verbreitung der Mangroven, dessen Datengrundlage seither mehrfach fortgeschrieben wurde. Wer belastbare Zahlen zur mexikanischen Megadiversität sucht, findet sie in der Fachliteratur, die CONABIO-Daten auswertet. Eine breit zitierte Analyse von 56 Organismengruppen zählt 94.412 in Mexiko beschriebene Arten, das sind 8,59 Prozent des weltweiten Bestands dieser Gruppen, bei einem durchschnittlichen Endemismus von 39,7 Prozent. Für einzelne Gruppen liegt der Endemismus deutlich höher, bei Amphibien und Reptilien über die Hälfte.
Datenbanken, Portale und Publikationen zum Weiterklicken
Die folgenden Adressen führen direkt zu den frei zugänglichen Angeboten der Kommission.
Datenbanken und Portale:
- SNIB, Fundnachweise zu Arten: snib.mx
- Geoportal, Geodaten und Karten: geoportal.conabio.gob.mx
- EncicloVida, Artenlexikon: enciclovida.mx
- NaturaLista, Bürgerbeobachtungen: naturalista.mx
- Portal Biodiversidad Mexicana, Überblick und Monitoring: biodiversidad.gob.mx
- Institutionelle Seite der Kommission: conabio.gob.mx
Ausgewählte Publikationen:
- Capital Natural de México, fünfbändige Länderstudie: biodiversidad.gob.mx/pais/capitalnatmex
- Manglares de México, Ausdehnung und Verbreitung, sowie Aktualisierung der Daten 2020, über das Mangroven-Monitoring: biodiversidad.gob.mx/monitoreo/smmm
- Was ist ein megadiverses Land, Grundlagenseite: biodiversidad.gob.mx/pais/quees
Quellen und Literatur
- Sarukhán, J., Urquiza-Haas, T., Koleff, P., Carabias, J., Dirzo, R., Ezcurra, E., Cerdeira-Estrada, S. & Soberón, J. (2015): Strategic Actions to Value, Conserve, and Restore the Natural Capital of Megadiversity Countries – The Case of Mexico. BioScience 65(2), 164 bis 173. doi.org/10.1093/biosci/biu195
- Martínez-Meyer, E. et al. (2014): El estudio de la biodiversidad en México – ¿una ruta con dirección? Revista Mexicana de Biodiversidad 85, Suplemento. elsevier.es/es-revista-revista-mexicana-biodiversidad-91
- CONABIO (2008 folgende): Capital Natural de México, 5 Bände. Comisión Nacional para el Conocimiento y Uso de la Biodiversidad, México. biodiversidad.gob.mx/pais/capitalnatmex
- CONABIO (2009): Manglares de México – Extensión y distribución. 2. Auflage, 99 Seiten. Comisión Nacional para el Conocimiento y Uso de la Biodiversidad, México.
- CONABIO (2026): ¿Qué hacemos? und Financiamiento CONABIO. biodiversidad.gob.mx/conabio/que-hacemos sowie gob.mx/conabio/documentos/financiamiento-conabio (Abruf Juli 2026)
- SEMARNAT (2019): La Conabio se transformará en organismo público descentralizado. Pressemitteilung. gob.mx/conabio/prensa/la-conabio-se-transformara-en-organismo-publico-descentralizado-227016
- Geoportal del Sistema Nacional de Información sobre Biodiversidad, Datenbestand und Beschreibung. geoportal.conabio.gob.mx (Abruf Juli 2026)
- Ley General del Equilibrio Ecológico y la Protección al Ambiente (LGEEPA), Artikel 80, zum gesetzlichen Auftrag des SNIB. Diario Oficial de la Federación.





