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Diego de Landa – der Mann, der die Bücher der Maya verbrannte

Gemälde von Diego de Landa
Gemälde von Diego de Landa
  • Diego de Landa (1524 bis 1579) kam 1549 mit rund einem Dutzend Franziskanern nach Yucatán, wurde 1561 Provinzial des Ordens und 1572 zweiter Bischof von Yucatán.
  • Am 12. Juli 1562 ließ er in Maní 27 Maya-Handschriften und etwa 5.000 Kultbilder verbrennen. Nach den spanischen Prozessakten wurden rund 6.300 Menschen verhört, über 4.500 bestraft, mindestens 157 starben, 32 blieben dauerhaft verstümmelt.
  • Erhalten sind heute vier vorspanische Maya-Handschriften: Codex Dresdensis, Codex Madrid, Codex Paris und der Codex Maya de México.
  • Seine „Relación de las cosas de Yucatán“ (um 1566) ist die dichteste europäische Beschreibung der Maya des 16. Jahrhunderts. Das Original ist verloren, erhalten ist eine 68 Blatt starke Abschrift in der Real Academia de la Historia in Madrid.
  • Das darin überlieferte Landa-Alphabet war sachlich falsch, lieferte Juri Knorosow 1952 aber den Schlüssel zur Entzifferung der Maya-Schrift.
  • Eine Notgrabung 2015 vor dem Rathaus von Maní legte tausende zerschlagene Räuchergefäße frei, den ersten materiellen Beleg des Autodafés.
  • Landa starb am 29. April 1579 im Franziskanerkonvent von Mérida. Seine Gebeine wurden später nach Cifuentes in Kastilien überführt.

Diego de Landa vernichtete die Schriftkultur der Maya und schrieb kurz darauf das Buch, aus dem die Forschung bis heute schöpft. Der Franziskaner ließ 1562 in Maní 27 Handschriften verbrennen, wurde dafür in Madrid angeklagt, verfasste zu seiner Verteidigung eine Beschreibung Yucatáns und kehrte 1573 als Bischof zurück.

Vom Pagen in Cifuentes zum Missionar in Yucatán

Landa wurde am 12. November 1524 in Cifuentes in der kastilischen Alcarria geboren, als Sohn einer gut vernetzten Familie. Mit zehn Jahren war er Page im Haushalt des Grafen von Cifuentes, was ihm Zugang zum Hof verschaffte, unter anderem zum späteren König Philipp II. Mit sechzehn oder siebzehn trat er in das Franziskanerkloster San Juan de los Reyes in Toledo ein. Dort traf er Brüder aus der Neuen Welt, die von Bekehrung, Götzenkampf und drohendem Martyrium erzählten. Der Historiker John F. Chuchiak beschreibt diese Missionare als Stoßtrupp des Christentums, der sich selbst als geistliche Konquistadoren verstand.

1549 erreichte Landa Yucatán, sieben Jahre nach der Gründung Méridas. Die spanische Herrschaft beschränkte sich damals auf einen Zipfel der Halbinsel, eine einzige Stadt und vier Klöster. Landa war einer von nur neunzehn Ordensleuten in einem Gebiet mit mehreren hunderttausend Maya. Er lernte Yukatekisch bei Luis de Villalpando, der die Sprache mit Zeichen und Kieselsteinen erschlossen und die erste Grammatik verfasst hatte. Von seiner Ankunft an litt Landa an Asthma, das ihn bis zu seinem Tod begleitete.

Izamal – das Kloster auf der Pyramide

Landas erste und dauerhafteste Station war Itzmal, von den Spaniern Izamal genannt. Er beschreibt den Ort selbst. Elf oder zwölf große Bauwerke habe es dort gegeben, ohne dass sich noch jemand an die Erbauer erinnerte. Auf einem davon sei 1549 auf Bitten der Indigenen das Kloster San Antonio errichtet worden.

Der Konvent steht auf der Plattform der Pyramide Pap-Hol-Chac, deren Steine als Baumaterial dienten. Sie war die höchste der prähispanischen Plattformen von Izamal, weshalb das Kloster bis heute weithin sichtbar ist. Die Bauleitung lag bei Fray Juan de Mérida. Das Atrium mit seinen 75 Bögen gehört zu den größten der Welt und übernahm die Funktion der offenen Zeremonialplätze, die es ersetzte. Die Arbeiten zogen sich bis 1561 oder 1562 hin.

1558 brachte Landa aus Guatemala zwei geschnitzte Marienfiguren des Franziskaners Juan de Aguirre mit, in Yucatán als die zwei Schwestern bekannt. Eine blieb in Izamal, die andere ging an den Konvent von Mérida. Die Figur von Izamal steht heute im Camarín hinter dem Hauptaltar und machte den Ort zum wichtigsten Marienwallfahrtsziel Südostmexikos. Vor dem Kloster steht eine Bronzestatue Landas, die als Kreisverkehrsinsel dient.

Was am 12. Juli 1562 in Maní geschah

Im Mai 1562 erreichte Landa die Nachricht, in einer Höhle bei Maní seien Kultbilder, menschliche Knochen und Wildbret gefunden worden. Anwohner gaben an, sie hätten die Bilder um Regen und um Jagdglück gebeten. Für Landa war das der Beweis, dass getaufte Maya weiter opferten, womöglich auch Menschen. Er beauftragte die Brüder von Maní mit Ermittlungen. Franziskaner und ein Netz indigener Zuträger durchkämmten die Halbinsel und beschlagnahmten Kultbilder in großer Zahl.

Der Ablauf des 12. Juli ist aus den Akten rekonstruierbar. An der Spitze des Zuges gingen Landa und Statthalter Diego Quijada, bewacht von bewaffneten Spaniern, dahinter die Brüder als geistliche Richter. Es folgten Maya-Gehilfen mit 64 vogelscheuchenartigen Bildnissen verstorbener Würdenträger und 114 zugehörigen Knochenbündeln, die für den Anlass exhumiert worden waren. Dann kamen 69 lebende Würdenträger im Sanbenito, dem gelben Schandgewand mit Andreaskreuz, neun davon zusätzlich mit der spitzen Coroza. Am Ende gingen mindestens 95 weitere Angeklagte, bis zur Hüfte entblößt, mit Stricken um den Hals und grünen Bußkerzen in der Hand.

Viele Angeklagte mussten ihre eigenen Kultbilder tragen und vor der Menge zerschlagen, bespucken und ins Feuer werfen. Chuchiak weist darauf hin, dass es sich häufig um Erbstücke handelte, die Familien über Generationen weitergegeben und versteckt hatten. Verbrannt wurden neben tausenden Objekten 27 Codices, gefaltete Bücher aus Rindenbastpapier mit rituellen und kalendarischen Aufzeichnungen.

Landa selbst widmet dem Ereignis in seinem Buch nur wenige Zeilen. Er schreibt von einem Auto, bei dem viele Gerüste mit Corozas aufgestellt worden seien, und fügt lakonisch an, einige hätten sich aus Traurigkeit erhängt. Die Zahlen der Ermittlungen stammen dagegen aus den spanischen Gerichtsakten, die France V. Scholes und Eleanor B. Adams 1938 ediert haben. Danach wurden 1562 rund 4.500 Menschen der Folter unterworfen, über 6.300 insgesamt in die Verfahren gezogen und mit Auspeitschung, Haarschur und Geldbußen belegt. 157 starben an den Folgen der Verhöre, 32 blieben verstümmelt, dutzende nahmen sich das Leben. Das Standardverfahren war die Garrucha, das Aufziehen an den auf dem Rücken gefesselten Handgelenken, oft mit Steinen an den Füßen und heißem Wachs auf dem Körper.

Die Grabung von 2015 und was sie über Landas Regie verrät

Über 450 Jahre gab es zum Autodafé nur Papier. Im Januar 2015 stießen Arbeiter beim Ausheben von Entwässerungslöchern auf dem Platz vor dem Rathaus von Maní auf eine dichte Konzentration von Keramikbruch. Anlass war eine Kampagne zur Aufnahme des Ortes in das Programm Pueblos Mágicos. Tomás Gallareta Negrón vom INAH führte daraufhin eine Notgrabung durch.

Zutage kamen mehrere tausend Scherben, ein Teil vermischt mit Holzkohle und mit Brandspuren. Nahezu alle stammen von einem einzigen Gefäßtyp, spätpostklassischen Räuchergefäßen der Zeit von 1300 bis 1450. Diese Incensarios sind zwischen etwa zehn und fünfzig Zentimeter hoch, tragen meist das Bild einer Gottheit wie Itzamná oder des Regengottes Chaac und dienten dem Verbrennen von Copal. George Bey vom Millsaps College hält den Befund für den ersten materiellen Beleg des Ereignisses. Auffällig ist, wie die Gefäße behandelt wurden: sie sind extrem kleinteilig zerschlagen und anschließend durchmischt worden, als sollte ein Zusammensetzen für alle Zeit unmöglich sein.

Der interessanteste Befund betrifft die Herkunft. Leslie Cecil von der Stephen F. Austin State University analysierte zwanzig Fragmente chemisch und petrografisch. Der größte Teil stammt nicht aus Maní, sondern aus Mayapán. Zwei oder drei Stücke enthalten zerstoßene Keramik der Spätklassik, eine Machart, die auf den Norden von Belize verweist, mehrere hundert Kilometer entfernt. Die Franziskaner und ihre Gehilfen holten die Objekte also von verlassenen Ruinenstätten, die den Maya weiterhin als Opferorte dienten. Bey formuliert die naheliegende Folgerung vorsichtig: Es sei denkbar, dass Landa Belastungsmaterial zusammentrug, um den weltlichen Behörden ein möglichst großes Ausmaß der Abgötterei vorzuführen. Gallareta Negrón sagt es direkter, es sei um ein Exempel gegangen, das niemand vergessen sollte.

Ein zweiter Punkt korrigiert eine verbreitete Ortsangabe. Vielfach heißt es, das Autodafé habe im Atrium der Klosterkirche stattgefunden. Der Fundort vor dem Rathaus spricht dagegen. 1562 stand dort der Palast des Francisco de Montejo Xiu, des mächtigsten Maya-Herrn von Maní, der selbst Sanbenito und Coroza tragen musste. Chuchiak hält das für plausibel, weil die weltliche Gewalt das Urteil vollstreckte und man dämonisch gedeutete Bilder nicht im geweihten Kirchhof zur Schau gestellt hätte. Die Objekte lagerten dort, zerstört wurden sie auf dem Platz.

Prozess in Madrid und Rückkehr als Bischof

Im Oktober 1562 traf Francisco de Toral in der Provinz ein, der erste Bischof von Yucatán. Beschwerden kamen von Maya und Encomenderos gleichermaßen. Toral stoppte die Kampagne, hob die verhängten Strafen auf und meldete den Vorgang nach Madrid. Landa reiste 1563 nach Spanien, um sich zu verteidigen.

Der Indienrat warf ihm vor, er habe sich das Amt des Bischofs und des Inquisitors angemaßt. Landa berief sich auf ein Privileg, das Papst Hadrian VI. dem Orden erteilt habe, und auf die Amtshilfe der Audiencia. Das verschärfte die Lage. Der Rat verwies den Fall an Pedro de Bobadilla, den Provinzial von Kastilien, der die Prüfung wegen Krankheit an Pedro de Guzmán weitergab. Sieben Gutachter aus dem Königreich Toledo, darunter Theologen und der ehemalige Richter Tomás López, kamen zu dem Ergebnis, das Verfahren sei rechtens gewesen.

Statt einer Rüge folgte die Beförderung. Philipp II. zog Landa als Fachmann hinzu, als über die Frage entschieden wurde, ob ein förmliches Inquisitionstribunal Zuständigkeit über die indigene Bevölkerung erhalten solle. Landa riet ab und schlug vor, die Bischöfe damit zu betrauen. Genau so wurde es geregelt. Als Toral 1571 starb, wurde Landa am 30. April 1572 zum Bischof von Yucatán gewählt und trat das Amt 1573 an. Papst Gregor XIII. stattete ihn mit einer Bulle aus, die ihn von möglichen Verfehlungen als Inquisitor freistellte und jedem die Exkommunikation androhte, der ihm solche vorwarf. Landa nutzte das Instrument. Nach Chuchiak brachte er zwei spanische Statthalter zu Fall und rechnete mit den Encomenderos ab, die gegen ihn ausgesagt hatten.

Das Buch – was die Relación wirklich ist

Die „Relación de las cosas de Yucatán“ gilt als Landas Werk von 1566. Der Sachverhalt ist komplizierter, und das ist für jede Nutzung des Textes erheblich.

Das Original ist verloren. Erhalten ist ein Konvolut von 68 Blatt in der Real Academia de la Historia in Madrid. Charles Étienne Brasseur de Bourbourg fand es dort 1861 und gab es 1864 in Teilen auf Französisch heraus. Auf dem Titelblatt steht, der Text sei aus dem gezogen, was Pater Diego de Landa geschrieben habe. Er beansprucht also selbst nicht, ein Buch Landas zu sein. Daneben notierte jemand, hier liege noch ein Bericht über die Dinge Chinas, ein Hinweis darauf, dass die Blätter im 18. Jahrhundert in eine Sammlung franziskanischer Missionsberichte gerieten.

Matthew Restall und John F. Chuchiak untersuchten das Manuskript im Jahr 2000 im Original und legten 2002 eine Neubewertung vor. Ihr Befund: Der Text stammt von mindestens zwei Hauptkompilatoren, dazu kommen weitere Kopisten und Zeichner. Die Handschriften gehören unterschiedlichen Epochen an, die Papiersorten wechseln, das einzige datierbare Wasserzeichen weist in die späte Kolonialzeit. Die Blätter sind nicht in der Reihenfolge ihrer Foliierung gebunden, sondern beginnen mit Blatt 18. Nur drei Zwischenüberschriften stehen tatsächlich im Manuskript, darunter die zu den Schlangen und die zu den Bienen und ihrem Honig. Alle übrigen Kapitelüberschriften, die man in fast jeder Ausgabe findet, hat Brasseur de Bourbourg erfunden. An einer Stelle verweist der Text auf Kapitel 99 und 101, die es im Konvolut nicht gibt.

Restall und Chuchiak halten den Text nicht für eine Fälschung, wohl aber für eine nachträgliche Zusammenstellung aus Landas Papieren, angefertigt nach seinem Tod. Damit ist nicht mehr gesichert, dass jeder Satz von Landa stammt. Als möglichen Mitautor einzelner Abschnitte nennen sie Gaspar Antonio Chi, den Sohn eines Maya-Priesterschreibers. Chi arbeitete als Dolmetscher und Notar und stand Landa nahe. Weitere Kandidaten sind der Kosmograf Francisco Domínguez und der Franziskaner Gaspar de Nájera. Der Abschnitt zur Naturgeschichte Yucatáns passt inhaltlich zu keinem sonst belegten Interesse Landas.

Zur Datierung der Abschrift gibt es keinen Konsens. Die Real Academia de la Historia selbst gibt in ihrem digitalen Katalog an, die Kopie könne zwischen 1567 und 1600 entstanden sein, verweist aber auch auf Ansätze, die ins 17. Jahrhundert und auf 1616 zielen. Restall und Chuchiak datieren die früheste Hand ins späte 17. Jahrhundert. Die Frage ist offen.

Verloren sind zwei weitere Werke Landas: eine Maya-Grammatik, die noch 1694 zitiert wurde, und eine christliche Lehre in yukatekischer Sprache, die er zwischen 1574 und 1575 in Mexiko-Stadt drucken ließ. Von diesem Druck ist bis heute kein Exemplar aufgetaucht. Die maßgebliche moderne Edition legten Restall, Amara Solari, Chuchiak und Traci Ardren 2023 vor, erarbeitet über mehr als ein Jahrzehnt direkt am Madrider Manuskript.

Zitate – was Landa über die Kultur der Maya notierte

Der Wert des Textes liegt im Detail. Landa beschreibt Dinge, die kein anderer europäischer Beobachter des 16. Jahrhunderts festhielt, und er beschreibt sie präzise genug, dass die Archäologie sie prüfen kann.

Über die Bücher, die er verbrennen ließ. Sein bekanntester Satz lautet: „Hallámosles gran número de libros de estas sus letras.“ Wir fanden bei ihnen eine große Zahl Bücher in diesen ihren Schriftzeichen. Weil nichts darin gewesen sei, das nicht Aberglaube und Lug des Teufels war, habe man sie alle verbrannt. Die Maya hätten das über die Maßen empfunden, fügt er an, und es habe ihnen großen Schmerz bereitet.

Über die Machart der Bücher. „Escribían sus libros en una hoja larga doblada con pliegues.“ Sie schrieben ihre Bücher auf ein langes, in Falten gelegtes Blatt. Es schloss sich zwischen zwei kunstvoll gearbeiteten Tafeln, beschrieben war es beidseitig und in Spalten. Das Papier stamme aus den Wurzeln eines Baumes und erhalte einen weißen Glanz. Dieser Punkt ist falsch. Das Papier wurde aus dem Bast von Feigenbäumen der Gattung Ficus gewonnen und mit Kalk geglättet.

Über den Unterricht der Priester. Gelehrt wurden die Rechnung der Jahre, Monate und Tage, die Feste und Zeremonien sowie die Verwaltung der Sakramente. Dazu kamen die verhängnisvollen Tage und Zeiten, die Weissagung, Heilmittel gegen Krankheiten, die Altertümer und das Lesen und Schreiben mit den eigenen Zeichen.

Über die Zahlen. „Que su contar es de 5 en 5 hasta 20, y de 20 en 20 hasta 100.“ Landa beschreibt das Zwanzigersystem korrekt bis 8.000 und darüber hinaus, bis zu einer unzählbaren Menge. Nebenbei notiert er, dass die Maya dabei auf dem Boden oder einer flachen Unterlage rechneten.

Über die Zubereitung des Maises. Die Frauen legten den Mais über Nacht in Kalk und Wasser ein, am Morgen sei er weich und halb gar und die Schale löse sich. Das ist die erste europäische Beschreibung der Nixtamalisation. Die alkalische Behandlung löst gebundenes Niacin und verbessert die Verfügbarkeit von Aminosäuren, was maisbasierte Ernährung ohne Pellagra überhaupt möglich macht. Landa notierte das Verfahren, ohne seine Bedeutung zu ahnen.

Über Kakao und Balché. Aus gemahlenem Mais und Kakao bereiteten die Maya einen Schaum, mit dem sie ihre Feste begingen, und aus dem Kakao eine Fettmasse, die wie Butter aussehe. Den Rauschtrank machten sie „de miel y agua y cierta raíz de un árbol“, aus Honig, Wasser und einer bestimmten Wurzel. Gemeint ist der Balché, für den nicht die Wurzel, sondern die Rinde von Lonchocarpus violaceus in Honigwasser vergoren wird.

Über Körper und Schönheit. Schielen galt als schön, und die Mütter erzeugten es, indem sie den Kleinkindern ein Kügelchen ins Haar hängten, das ihnen bis zwischen die Augenbrauen reichte. Der Kopf wurde wenige Tage nach der Geburt zwischen zwei Brettchen gepresst, bis die Stirn flach blieb. Landa sah nach eigener Aussage ein Kind, dem dabei der Hinterkopf durchbrochen wurde. Frauen ließen sich die Zähne von alten Frauen mit Steinen und Wasser sägeartig zufeilen. Tätowierungen entstanden durch Einritzen der mit Farbe vorgezeichneten Muster, und wer mehr davon trug, galt als tapferer, weil die Prozedur eine Qual war. Frauen ließen sich von der Taille aufwärts stechen, die Brüste ausgenommen, in feineren Mustern als die Männer.

Über Landwirtschaft und Gemeinsinn. Gesät wurde mit einem Säckchen auf dem Rücken und einem zugespitzten Stock, fünf oder sechs Körner pro Loch. Wer keine eigenen Leute hatte, schloss sich mit zwanzig oder mehr anderen zusammen, und die Gruppe arbeitete alle Felder ab, bis jeder versorgt war. Zum Landrecht heißt es knapp: „Las tierras, por ahora, son de común“, das Land sei gemeinschaftlich, und wer es zuerst nutze, besitze es.

Über Gastfreundschaft. Niemand betrete ein Haus, ohne von dem zu erhalten, was da sei, tagsüber vom Trank, nachts von der Speise. Fehle es, hole man es aus der Nachbarschaft.

Über den Cenote von Chichén Itzá. Cozumel und der Brunnen von Chichén Itzá seien so verehrt worden wie bei den Spaniern die Wallfahrten nach Jerusalem und Rom. Und weiter: „Algunas veces echaban personas vivas en el pozo de Chichenizá.“ Manchmal warfen sie lebende Menschen in den Brunnen von Chichén Itzá. Sie glaubten, diese kämen am dritten Tag wieder heraus, doch sah man sie nie mehr. Edward H. Thompson begann 1904 zu baggern, um genau diese Angabe zu prüfen. Aus dem Cenote kamen über 30.000 Objekte und die Überreste von mehr als 200 Menschen. Untersucht wurden 228 Individuen aus den Kampagnen der frühen 1900er und der 1960er Jahre. 61 Prozent davon waren Kinder und Jugendliche, und an vielen Skeletten sind Verletzungen unmittelbar vor dem Tod nachweisbar.

Über die eigenen Landsleute. Bemerkenswert ist, wie deutlich Landa spanische Gewalt festhält. Er berichtet, er habe bei Yobain einen großen Baum gesehen, an dessen Ästen ein Hauptmann viele Maya-Frauen aufhängen ließ und an deren Füße ihre Kinder. In den Provinzen Cochuah und Chectemal seien Nasen, Arme und Beine abgeschnitten worden. Der Mann, der die Bücher verbrannte, ist zugleich einer der Kronzeugen für die Grausamkeit der Konquista.

Das Landa-Alphabet und der Umweg zur Entzifferung

Landa bat einen schriftkundigen Maya, ihm die Zeichen für die Buchstaben des spanischen Alphabets aufzuschreiben. Als Informanten kommen Gaspar Antonio Chi und der getaufte Cocom-Herr in Frage, den Landa don Juan Cocom nennt. Über diesen schreibt er, er sei ihm sehr vertraut gewesen, habe ihm viele Altertümer erzählt und ein Buch seines Großvaters gezeigt.

Das Ergebnis war ein Missverständnis mit Folgen. Der Befragte hörte die Buchstabennamen so, wie man sie im Spanischen ausspricht, also als Silben, und lieferte entsprechend Silbenzeichen. Landa hielt sie für Buchstaben. Das so entstandene Alphabet war falsch genug, um Generationen von Forschern in die Irre zu führen, und richtig genug, um den Schlüssel zu enthalten.

Juri Knorosow drehte 1952 die Deutung um. In der Zeitschrift Sowetskaja Etnografija argumentierte er, die Maya-Schrift sei logosilbisch. Manche Zeichen stehen für ganze Wörter, andere für Silben aus Konsonant und Vokal. Sein Prüfstück ist berühmt. Über der Abbildung eines Truthahns im Codex stand Landas Zeichen für cu, gefolgt von einem zweiten Zeichen. Das yukatekische Wort für Truthahn lautet cutz, also musste das zweite Zeichen tzu lesen, wobei der Endvokal stumm bleibt. Knorosow suchte dasselbe Zeichen an anderer Stelle und fand es über der Abbildung eines Hundes, tzul. Die Rechnung ging auf. Bis heute sind über 85 Prozent der Maya-Schrift lesbar.

Wo sich Landas Wirken heute nachvollziehen lässt

Izamal, Yucatán. Der Konvent San Antonio de Padua mit dem Atrium aus 75 Bögen, dem Camarín der Jungfrau und einem anonymen Ölporträt Landas aus dem 17. Jahrhundert. Wenige Blocks entfernt liegt die Pyramide Kinich Kak Moo, die von derselben Anlage übrig blieb, aus der die Steine für das Kloster kamen.

Maní, Yucatán. Der Konvent San Miguel Arcángel von 1549 mit seiner offenen Kapelle, davor die Esplanade. Der eigentliche Ort des Autodafés ist nach dem Fundbild der Platz vor dem Rathaus. Maní trägt seit 2020 den Titel Pueblo Mágico.

Sotuta, Yucatán. Sitz der Cocom, Heimat von Landas wichtigstem Gewährsmann. Auch hier fanden 1562 Verfahren statt.

Mérida, Yucatán. Der Konvent, in dem Landa starb, ist verschwunden. Der Convento Grande de San Francisco stand auf der größten Plattform der Maya-Stadt T’hó. Zwischen 1667 und 1669 wurde er zur Zitadelle San Benito ummauert, 1821 räumten ihn die Franziskaner, ab 1840 trug man ihn ab. Auf dem Gelände liegen heute die Märkte Lucas de Gálvez und San Benito. Eine Skizze der ursprünglichen Anlage findet sich im Madrider Manuskript.

Chichén Itzá, Yucatán. Der Cenote Sagrado, mit dem Sacbé zum Hauptplatz. Baden ist nicht möglich, die Wände fallen senkrecht ab und der Cenote steht unter Schutz.

Madrid. Das Manuskript liegt in der Real Academia de la Historia und ist über deren digitale Bibliothek Blatt für Blatt einsehbar, samt der gezeichneten Glyphen und der Karten am Ende.

Cifuentes, Guadalajara. Landas Geburtsort. Über den Verbleib seiner Gebeine widersprechen sich die Quellen. Eine Überlieferung nennt eine Überführung ins elterliche Grab bereits 1588. Eine andere setzt sie rund anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tod an, betrieben von einem Verwandten. Vom Grabmal ist heute nur ein Fragment der Platte in der Wand erhalten. Der örtliche Pfarrer gibt an, die Grablege sei im Bürgerkrieg 1936 zerstört worden.

Was offen bleibt

Die Grabung von Maní war eine Notgrabung auf wenigen Quadratmetern. Wie weit sich die Brandschicht unter dem Platz erstreckt, ob weitere Deponierungen existieren und ob sich die Herkunftsanalyse an einer größeren Stichprobe bestätigt, ist ungeklärt. Ebenso offen bleibt, ob in spanischen Archiven noch Teile jener recopilación liegen, die Landa nach Aussage seiner Zeitgenossen in Mérida hinterließ und aus der das Madrider Konvolut zusammengestellt wurde. Restall und Chuchiak halten es für denkbar, dass Teile davon sogar gesetzt und in kleiner Auflage gedruckt wurden. Ein Exemplar wäre der bedeutendste Fund der kolonialen Yucatán-Forschung seit 1861.

Quellen und Literatur

  • Landa, D. de (um 1566): Relación de las cosas de Yucatán. Manuskript, Real Academia de la Historia, Madrid, Signatur 9/5153. Digitalisat: bibliotecadigital.rah.es/es/consulta/registro.do?id=61962 (abgerufen August 2026)
  • Restall, M. & Chuchiak, J. F. (2002): A Reevaluation of the Authenticity of Fray Diego de Landa’s Relación de las cosas de Yucatán. Ethnohistory 49(3), 651 bis 669. doi.org/10.1215/00141801-49-3-651
  • Restall, M., Solari, A., Chuchiak, J. F. & Ardren, T. (2023): The Friar and the Maya. Diego de Landa and the Account of the Things of Yucatan. University Press of Colorado, Denver. ISBN 978-1-64642-423-8
  • Tozzer, A. M. (Hrsg., 1941): Landa’s Relación de las Cosas de Yucatán. A Translation. Papers of the Peabody Museum of American Archaeology and Ethnology 18. Harvard University, Cambridge
  • Scholes, F. V. & Adams, E. B. (1938): Don Diego Quijada, alcalde mayor de Yucatán, 1561 bis 1565. 2 Bände. Editorial Porrúa, Mexiko-Stadt
  • Scholes, F. V. & Roys, R. L. (1938): Fray Diego de Landa and the Problem of Idolatry in Yucatán. Carnegie Institution, Washington
  • Gallareta Negrón, T., Cecil, L. & Bey, G. (2024): Landa’s Auto de Fe and the Destruction of the „Idols“ of Mani. Petrographic and Chemical Analysis from Mani, Mexico. Vortrag, 89. Jahrestagung der Society for American Archaeology. core.tdar.org/document/497604
  • Weiss, D. (2025): Acts of Faith. Archaeology 78(6), November/Dezember 2025. archaeology.org/issues/november-december-2025/features/acts-of-faith/
  • Chuchiak, J. F. (2012): The Inquisition in New Spain, 1536 bis 1820. A Documentary History. Johns Hopkins University Press, Baltimore
  • Clendinnen, I. (1987): Ambivalent Conquests. Maya and Spaniard in Yucatan, 1517 bis 1570. Cambridge University Press, Cambridge
  • Knorosow, J. W. (1952): Drewnjaja pismennost Zentralnoi Ameriki. Sowetskaja Etnografija 1952(3), 100 bis 118
  • Coe, M. D. (2012): Breaking the Maya Code. 3. Auflage. Thames & Hudson, London
  • Anda Alanís, G. de (2007): Sacrifice and Ritual Body Mutilation in Postclassical Maya Society. Taphonomy of the Human Remains from Chichén Itzá’s Cenote Sagrado. In: Tiesler, V. & Cucina, A. (Hrsg.): New Perspectives on Human Sacrifice and Ritual Body Treatments in Ancient Maya Society. Springer, New York, 190 bis 208. doi.org/10.1007/978-0-387-48871-4_8
  • Beck, L. A. & Sievert, A. K. (2005): Mortuary Pathways Leading to the Cenote at Chichén Itzá. In: Rakita, G. et al. (Hrsg.): Interacting with the Dead. University Press of Florida, Gainesville
  • Timmer, D. E. (1997): Providence and Perdition. Fray Diego de Landa Justifies His Inquisition against the Yucatecan Maya. Church History 66(3), 477 bis 488. doi.org/10.2307/3169452
  • Román Kalisch, M. A.: La edificación de conventos franciscanos en el siglo XVI en Yucatán. Palapa, Universidad de Colima
  • INAH: Zona Arqueológica Chichén Itzá und Convento de San Antonio de Padua, Izamal. inah.gob.mx (abgerufen August 2026)

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