- Die erste offizielle Expedition zu einer Maya-Ruinenstadt führte Leutnant José Antonio Calderón 1784 nach Palenque. Er hielt Römer oder spanische Adlige für die Erbauer.
- Das erste gedruckte Buch über Maya-Architektur erschien 1822 in London, 35 Jahre nach dem Bericht von Hauptmann Antonio del Río vom 24. Juni 1787.
- Alberto Ruz Lhuillier betrat Pakals Grabkammer in Palenque am 15. Juni 1952. Den fünf Tonnen schweren Sarkophagdeckel hob sein Team erst am 27. November 1952 an, mit Lkw-Wagenhebern und Baumstämmen.
- Der Coyolxauhqui-Monolith der Mexica, 8 Tonnen schwer und 3,25 Meter im Durchmesser, kam am 21. Februar 1978 zutage, als Arbeiter des Elektrizitätswerks in 1,80 Meter Tiefe auf ihn stießen.
- Der Fotograf Teobert Maler aus Baden dokumentierte mehr als 100 Ruinenstädte. Rund 2.700 seiner Aufnahmen liegen heute im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin, weitere 321 in Detmold.
- Calakmul meldete am 29. Dezember 1931 der Botaniker Cyrus Lundell, angestellt bei einer Kaugummifirma. Die einheimischen Chicleros kannten die Stadt längst.
- Am 22. Juni 2026 gab das INAH die unberührte Maya-Stadt Minanbé in Campeche bekannt, gefunden per Laserscan und fünf Kilometer Machetenpfad.
Die Pyramiden Mexikos wurden nicht entdeckt, sie wurden zurückgeholt. Wer die Namen der Entdecker sortiert, findet Hauptleute mit Brechstangen, einen badischen Fotografen, einen US-Konsul mit Bagger, einen Spion, einen Botaniker der Kaugummiindustrie und zuletzt einen Doktoranden, der eine ganze Maya-Stadt auf Seite 16 einer Google-Trefferliste fand.
Der Reihe nach. Diese Entdeckungsgeschichte erklärt besser als jeder Reiseführer, warum manche Pyramide heute anders aussieht, als sie je war. Und warum in Mexikos Wäldern noch immer ganze Städte stehen, die niemand kartiert hat.
Warum „Entdeckung“ bei Mexikos Pyramiden das falsche Wort ist
Keine der großen Ruinenstädte war jemals verloren, sie war nur nicht verzeichnet. Als der Priester Antonio de Solís um 1730 nach Palenque kam, führten ihn Einheimische zu Bauten, die sie schlicht Casas de Piedra nannten, Steinhäuser. Als Cyrus Lundell 1931 Calakmul meldete, arbeiteten dort seit Jahren Chicle-Zapfer. Als 2024 die Stadt Valeriana in Campeche publiziert wurde, bestellten Bauern seit Generationen ihre Felder zwischen den Hügeln.
Selbst die Azteken waren Nachnutzer. Teotihuacán lag rund 700 Jahre in Trümmern, als die Mexica es fanden, ihm seinen heutigen Namen gaben und dort Wallfahrten abhielten. Wer also liest, die Mondpyramide sei „von den Maya erbaut“ worden, hat einen der häufigsten Fehler deutschsprachiger Reiseseiten vor sich. Teotihuacán ist weder Maya noch aztekisch, und wer die Erbauer waren, ist bis heute nicht abschließend geklärt.
„Entdecker“ meint deshalb im Folgenden etwas Präziseres. Es meint die Menschen, die als Erste maßen, zeichneten, fotografierten, gruben, publizierten und damit eine Ruine in eine überprüfbare Information verwandelten.
Palenque 1784 bis 1822 – die ersten Berichte und ihre abenteuerlichen Theorien
Am 28. November 1784 befahl José de Estachería, Präsident der Audiencia von Guatemala, dem Leutnant José Antonio Calderón, die Ruinen bei Palenque zu besichtigen. Calderón blieb drei Tage, fertigte vier Tuschezeichnungen an und reichte seinen Bericht am 15. Dezember 1784 ein. Seine Schlussfolgerung ist der aufschlussreichste Satz der frühen Amerikaarchäologie: Erbaut hätten die Stadt vermutlich Römer oder spanische Adlige. Dass die Vorfahren der Maya im Umland selbst die Baumeister gewesen sein könnten, galt als nahezu ausgeschlossen.
Es folgten der Architekt Antonio Bernasconi 1785 und, im Auftrag der spanischen Krone, Hauptmann Antonio del Río. Del Río begann am 18. Mai 1787 mit Axt und Feuer zu roden, arbeitete 38 Tage und datierte seinen Bericht auf den 24. Juni 1787. Seine Methode war für heutige Begriffe Zerstörung. Er ließ Wände aufbrechen, um in jeden verschlossenen Raum zu gelangen.
Der Bericht verschwand für 35 Jahre in den Archiven von Guatemala. 1822 erschien er in London auf Englisch, unter dem Titel „Description of the Ruins of an Ancient City, discovered near Palenque“. Damit war das erste gedruckte Werk über Maya-Architektur in der Welt. Zwei Details bleiben in Überblicksdarstellungen meist unerwähnt.
Erstens stammen die 17 Tafeln nicht von del Ríos Zeichner Ricardo Almendáriz. Für den Druck überarbeitete sie Jean-Frédéric Waldeck, jener exzentrische Zeichner, der später in Palenque Elefantenköpfe in Maya-Reliefs hineinsah. Zweitens folgte auf den nüchternen Bericht im selben Band eine Abhandlung von Paul Félix Cabrera, die die Maya von einem Wanderer namens Votan ableitete, der in Rom gewesen sei. Das Gründungsbuch der Maya-Archäologie enthielt also bereits die erste Pseudowissenschaft.
Stephens und Catherwood – zwei Reisende korrigieren die Fachwelt
Zwischen 1839 und 1842 bereisten der US-Anwalt John Lloyd Stephens und der britische Architekt Frederick Catherwood 44 Ruinenstätten. Stephens schrieb, Catherwood zeichnete. Ihr erster Band von 1841 verkaufte sich in vier Monaten 12.000 Mal und erlebte im ersten Jahr zwölf Auflagen.
Catherwood arbeitete mit der Camera lucida, einem Prisma auf einem Ständer, das das Motiv auf das Papier projiziert. Deshalb sind seine Blätter bis heute so genau, dass Restauratoren sie zur Rekonstruktion heranziehen. Auf der zweiten Reise hatten die beiden zusätzlich eine Daguerreotypie-Ausrüstung dabei, die beste, die in New York zu bekommen war. Sie funktionierte kaum. Catherwood kehrte zum Prisma zurück.
Die eigentliche Leistung war eine These. Stephens und Catherwood argumentierten, die Erbauer der Städte seien die Vorfahren der Maya, die sie täglich vor sich sahen. Gegen Ägypter, Israeliten, Atlanter und Römer. Sie behielten recht. Catherwood ertrank 1854 beim Untergang des Dampfers Arctic im Nordatlantik, Stephens war zwei Jahre zuvor gestorben.
Teobert Maler – der Badener, der die Ruinen fotografierte, bevor sie zerfielen
Der einflussreichste deutschsprachige Entdecker war ein Soldat des falschen Kaisers. Teobert Maler, geboren am 12. Januar 1842 in Rom als Sohn eines badischen Diplomaten, studierte am Polytechnikum Karlsruhe Bauwesen und trat 1864 in das Geniekorps Erzherzog Maximilians ein. Nach dessen Erschießung 1867 blieb Maler in Mexiko und nannte sich fortan Teoberto.
Mehr als 30 Jahre zog er mit Plattenkamera und Gewehr durch Yucatán, Chiapas, Guatemala und Belize, meist auf eigene Kosten, oft nur mit wenigen Maya-Trägern. Er dokumentierte über 100 Ruinenstädte, darunter Piedras Negras 1895. Zeitweise arbeitete er für das Peabody Museum der Harvard University, bis dieses die Zusammenarbeit 1909 beendete, weil Maler ausführlichere Publikationen verlangte, als das Museum drucken wollte.
Der Wert seines Werks liegt in einer traurigen Tatsache. Viele Bauten und Skulpturen, die Maler fotografierte, sind heute zerstört, verwittert oder geraubt. Seine Aufnahmen sind damit oft die einzige Quelle. Rund 2.700 Fotografien in 145 Mappen liegen im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin. Weitere 321 kamen über den deutschen Konsul in Mérida an das Lippische Landesmuseum Detmold, ein dritter Teilnachlass an das Peabody Museum. Maler starb am 22. November 1917 in Mérida, verarmt und vereinsamt.
Ibero-Amerikanisches Institut Berlin
Zentraler Einstieg in den digitalisierten Nachlass:
Digitale Sammlung „Nachlass Teobert Maler“
Offizielle Bestandsbeschreibung:
Teobert Maler in der Fotothek des IAI
Kleine kuratierte Auswahl auf Flickr:
„Teobert Maler – Historische Fotografien Mexikos“
Das offizielle IAI-Album umfasst zwölf Ausstellungstafeln beziehungsweise Bildzusammenstellungen zu Porträts, Landschaften, Oaxaca, Palenque und Chichén Itzá.
Kostenloser Bildband als PDF:
Teobert Maler – Historische Fotografien aus Mexiko und Guatemala
Zwei Amerikaner in Yucatán – der Cenote-Bagger und der Spion
Edward Herbert Thompson wurde 1885 US-Konsul in Mérida und kaufte die verlassene Hacienda samt dem Ruinengelände von Chichén Itzá. Die Angaben zum Preis schwanken zwischen 300 Pesos und 500 Dollar, was allein zeigt, wie schlecht dieser Vorgang dokumentiert ist. Zwischen 1904 und 1910 baggerte Thompson den Heiligen Cenote aus und tauchte in Helmtauchausrüstung selbst hinab.
Er förderte Gold, Kupfer, Jade, Textilreste, Holzwaffen und menschliche Knochen zutage und bestätigte damit die überlieferten Berichte über Opferungen. Den Großteil verschickte er in Diplomatengepäck an das Peabody Museum. 1926 beschlagnahmte Mexiko seinen Besitz und klagte auf 1,3 Millionen Pesos. Der Oberste Gerichtshof entschied 1944 zu Thompsons Gunsten, neun Jahre nach dessen Tod. Einzelne Stücke kehrten später zurück, das INAH verhandelt bis heute über weitere Rückgaben.
Sylvanus Griswold Morley leitete ab 1914 das Maya-Programm der Carnegie Institution und ließ Chichén Itzá restaurieren. Am 6. April 1917 wurde er zum Fähnrich der US-Marinereserve ernannt und arbeitete für das Office of Naval Intelligence. Seine Aufgabe war es, an rund 3.000 Kilometern Küste nach deutschen U-Boot-Stützpunkten zu suchen. Er hatte 16 Tage Ausbildung.
Morley rekrutierte Kollegen als Unteragenten, verschickte Berichte an Deckadressen und ließ Notizen teils in Maya-Hieroglyphen verschlüsseln. Deutsche Stützpunkte fand er keine, weil es keine gab. Der Anthropologe Franz Boas prangerte 1919 öffentlich an, dass Wissenschaftler ihre Forschung als Spionagetarnung missbrauchten. Die American Anthropological Association rügte daraufhin nicht die Spione, sondern Boas.
Calakmul 1931 – ein Botaniker, eine Kaugummifirma und ein Name auf Maya
Cyrus Longworth Lundell, 24 Jahre alt, war als Pflanzenphysiologe für die Chicle-Industrie in Campeche unterwegs. Chicle ist der Milchsaft des Breiapfelbaums, damals Rohstoff für Kaugummi. Am 29. Dezember 1931 stand Lundell vor zwei über 40 Meter hohen Bauten. Er gab der Stadt den Namen, den sie bis heute trägt, aus yukatekisch ca für zwei, lak für benachbart und mul für künstlicher Hügel. Calakmul, Stadt der zwei benachbarten Pyramiden.
Wie Lundell den Ort fand, erzählen die Quellen unterschiedlich. Eine Version lässt ihn die Bauten aus einem Kleinflugzeug über dem Kronendach sehen, eine andere, von Morley selbst überlieferte, lässt ihn zu Fuß von Chicle-Zapfern hingeführt werden. Beide Fassungen stimmen in einem Punkt überein. Die Chicleros kannten die Stadt vor Lundell. Er war der Erste, der sie der Wissenschaft meldete. Im März 1932 berichtete er Morley in Chichén Itzá davon, im April 1932 brach die erste Carnegie-Expedition auf.
Lundell fand in den folgenden Jahren 16 weitere Ruinenstädte. Als Botaniker beschrieb er über 2.000 Pflanzenarten. In der Struktur III von Calakmul, die heute Lundell-Palast heißt, hat er sein Graffito hinterlassen.
Palenque 1952 – Alberto Ruz und das Grab unter dem Tempel der Inschriften
Alberto Ruz Lhuillier, geboren 1906 in Paris als Sohn eines kubanischen Vaters und einer französischen Mutter, war der erste Absolvent, dem die Escuela Nacional de Antropología e Historia den Titel Archäologe verlieh. 1948 fiel ihm im Tempel der Inschriften eine Bodenplatte auf, die eine doppelte Reihe von Löchern trug, als sei sie zum Anheben gedacht. Zudem endeten die Wände nicht am Fußboden, sie liefen darunter weiter.
Darunter lag eine mit Schutt verfüllte Treppe. Vier Grabungssaisons lang ließ Ruz sie eimerweise räumen, bei extremer Hitze und schlechter Luft. Am 15. Juni 1952 wurde die dreieckige Steinplatte am Ende des Gangs gelöst, knapp 20 Meter unter dem Tempeleingang. Davor lagen die Skelette von Geopferten, mit Kalk und Zinnober bedeckt. Ruz betrat die erste ungeplünderte Königsgruft Mesoamerikas.
Hier lohnt der Blick ins Detail, den populäre Darstellungen überspringen. Der Sarkophag blieb an diesem Tag verschlossen. Erst am 27. November 1952 hob das Team den Deckel an, mit Wagenhebern aus Lastwagen und untergelegten Baumstämmen. Die Platte misst 3,80 mal 2,20 Meter und wiegt rund fünf Tonnen. Darunter lag K’inich Janaab‘ Pakal I., gestorben am 28. August 683, unter einer Jademaske und rund 900 Beigaben aus Jadeit, Muschel, Perle und Obsidian.
Der Befund kippte ein Lehrbuchdogma. Maya-Pyramiden galten als reine Tempelunterbauten. Seit Ruz sind sie auch das, was ägyptische Pyramiden sind, Grabmäler. Der enge Treppengang beweist zudem die Bauabfolge: Erst stand der Sarkophag, dann wuchs die Pyramide darüber. Seit 2003 ist die Kammer geschlossen, die Atemfeuchte der Besucher zerstörte die Stuckreliefs.
Die Azteken-Pyramiden – Zufallsfunde unter dem Pflaster von Mexiko-Stadt
Die aztekische Hauptstadt liegt unter der modernen. Ihre Entdeckungsgeschichte ist deshalb eine Geschichte von Bauarbeiten.
Am 13. August 1790 stießen Arbeiter beim Pflastern der Plaza Mayor auf einen Monolithen, den sie das Idol ohne Füße und ohne Kopf nannten. Es war die Coatlicue. Am 17. Dezember 1790 folgte der Sonnenstein, ein Jahr später der Stein des Tízoc. Antonio de León y Gama beschrieb die ersten beiden 1792 in einer eigenen Schrift, die als Gründungstext der mexikanischen Archäologie gilt.
Die beiden Steine erlitten sehr verschiedene Schicksale. Der Sonnenstein wurde in die Kathedrale eingemauert und blieb sichtbar. Die Coatlicue, eine enthauptete und verstümmelte Gestalt, verschwand im Hof der Königlichen Universität und wurde von den dort lehrenden Dominikanern vergraben. Begründung: Sie verderbe die Studenten, und Indigene kämen heimlich, um ihr Blumen zu bringen. Man grub sie zweimal wieder aus, 1803 für rund 20 Minuten, damit Alexander von Humboldt sie zeichnen konnte, und 1823, damit William Bullock einen Abguss aus Pappmaché nehmen konnte. Danach wurde sie jeweils sofort wieder verscharrt.
Der wichtigste Zufallsfund kam knapp zwei Jahrhunderte später. In der Nacht zum 21. Februar 1978 gruben Arbeiter der Compañía de Luz y Fuerza an der Ecke República de Guatemala und República de Argentina einen Transformatorenschacht. In 1,80 Meter Tiefe traf ein Spaten auf Stein. Es war der Coyolxauhqui-Monolith, 3,25 Meter Durchmesser, rund acht Tonnen Andesit, die zerstückelte Mondgöttin am Fuß der Treppe des Templo Mayor.
Präsident José López Portillo ließ die umliegenden Gebäude abreißen. Im März 1978 begann unter Eduardo Matos Moctezuma das Proyecto Templo Mayor, das bis heute läuft, inzwischen unter Leonardo López Luján. Über 13.000 Quadratmeter wurden freigelegt, mehr als 165 Opfergaben geborgen, darunter 2006 der zwölf Tonnen schwere Tlaltecuhtli-Monolith.
Batres, Gamio und Marquina – wie Mexiko seine Pyramiden selbst ausgrub
Zum Unabhängigkeitsjubiläum 1910 sollte Porfirio Díaz eine mexikanische Pompeji vorzeigen. Den Auftrag erhielt Leopoldo Batres, der von 1905 bis 1910 die Sonnenpyramide von Teotihuacán freilegte und rekonstruierte. Sein Nachfolger Manuel Gamio warf ihm vor, an der Südseite eine sieben Meter starke Schicht abgetragen und das Bauwerk entstellt zu haben.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens ist die oft wiederholte Behauptung, Batres habe Dynamit eingesetzt, nach Prüfung der Quellen durch die Zeitschrift Arqueología Mexicana nicht belegt. Andere Fachleute halten an dem Vorwurf fest, der Streit ist offen. Zweitens ist der Schaden dennoch real. Rémy Bastien wies 1947 in seiner Abschlussarbeit nach, dass einer der Pyramidenkörper eine Erfindung von 1905 oder 1906 ist. Wer heute die Sonnenpyramide fotografiert, fotografiert teilweise Batres.
Manuel Gamio führte ab 1917 in Teotihuacán die stratigrafische Grabung in Mexiko ein und machte aus der Ausgrabung ein interdisziplinäres Projekt. Sein junger Mitarbeiter Ignacio Marquina wandte die Methode später an der Großen Pyramide von Cholula an, dem volumengrößten Bauwerk Amerikas, das unter einer Kirche und einer Grasnarbe verborgen liegt.
Da man den Hügel weder abtragen noch die Kirche antasten konnte, trieb Marquina ab 1931 Tunnel hinein. Bis zum Ende der Arbeiten 1971 entstanden nach INAH-Angaben rund acht Kilometer Stollen, andere Quellen nennen über zehn. Sie legten mindestens fünf übereinandergebaute Bauphasen frei. Für Besucher sind etwa 800 Meter zugänglich, seit März 2026 wieder, nach sechs Jahren Schließung.
Die Entdecker von heute – Laserscanner, Roboter und ein Treffer auf Seite 16
Am 2. Oktober 2003 tat sich bei Konservierungsarbeiten am Tempel der Gefiederten Schlange in Teotihuacán ein Loch auf. Sergio Gómez Chávez ließ sich an einem Seil hinab und stand in einem über 100 Meter langen Tunnel, 15 Meter unter dem Tempel, seit etwa 1.800 Jahren versiegelt. Erkundet wurde er zunächst mit Georadar und den Robotern Tlaloque I und Tláloc II. 2015 meldete das Team Funde von flüssigem Quecksilber. Die erste Gesamtauswertung erschien 2026 unter dem Titel „Proyecto Tlalocan“.
Die größte Umwälzung brachte jedoch Lidar, ein flugzeuggestütztes Laserverfahren, das die Vegetation rechnerisch entfernt und den nackten Boden zeigt.
2020 veröffentlichten Takeshi Inomata und Daniela Triadan in Nature die Anlage Aguada Fénix in Tabasco. Sie ist 1.413 Meter lang, 399 Meter breit, 10 bis 15 Meter hoch und wurde zwischen 1000 und 800 v. Chr. errichtet. Damit ist sie älter und großvolumiger als jede klassische Maya-Pyramide, und sie zeigt keinerlei Zeichen einer Herrscherelite. Auffällig ist, was fehlt: keine Königsstelen, keine Paläste.
2023 meldete das INAH die Stadt Ocomtún in der Reserva Balamkú in Campeche, gefunden von einem Team um den slowenischen Archäologen Ivan Šprajc. Der Kern misst über 50 Hektar, die Pyramiden ragen mehr als 15 Meter auf. Das Team fuhr 60 Kilometer über Holzfällerpisten.
2024 folgte der wohl kurioseste Fund der Fachgeschichte. Der Doktorand Luke Auld-Thomas stieß bei einer Internetrecherche auf Seite 16 der Trefferliste auf einen Lidar-Datensatz, den eine mexikanische Organisation 2013 zur Messung von Waldkohlenstoff erhoben hatte. Er rechnete ihn mit archäologischen Verfahren neu durch. Darin lag die Stadt Valeriana mit rund 6.700 Bauwerken, Pyramiden, Ballspielplatz und Wasserreservoir, publiziert in Antiquity. Sie liegt neben einer Landstraße. Weder Behörden noch Wissenschaft wussten von ihr.
Der vorerst letzte Name ist Minanbé. Am 22. Juni 2026 gab das INAH bekannt, dass Šprajcs Team im Norden der Biosphärenreserve Calakmul einen unberührten Fundort dokumentiert hat. Fünf Kilometer Weg mit der Machete, dann noch einmal die gleiche Strecke zu Fuß. Der Kern umfasst 15 Hektar, der Pyramidentempel überragt 13 Meter, 14 Stelen und Altäre sind erhalten. Auf Stele 1 hackt eine Figur einem Gefangenen den Kopf ab, daneben steht ein Kalenderdatum, 5 Ajaw, das dem Jahr 849 entspricht. Raubgräberschächte gibt es keine. Der Name stammt aus dem Yukatekischen und bedeutet, es gibt keinen Weg.
Was von den Entdeckern bleibt
Die Reihe von Calderón bis Auld-Thomas zeigt ein Muster. Fast jeder Fund ging von Menschen aus, die vor Ort lebten, und wurde von jemandem verzeichnet, der von außen kam. Fast jede Deutung sagte zunächst mehr über die Deutenden aus als über die Maya. Römer, Atlanter, Astronauten, alles wurde behauptet, bevor man den Inschriften glaubte, die die Erbauer selbst hinterlassen hatten.
Und die Arbeit ist nicht fertig. Auld-Thomas hat aus einem einzigen fremden Datensatz eine Großstadt gehoben. Šprajc beendete nach 30 Jahren sein Projekt mit einer Stadt, zu der kein Weg führte. Wer heute vor der Sonnenpyramide steht, sieht ein Bauwerk, das ein Beamter des Porfiriato mitgestaltet hat. Wer nach Palenque fährt, steigt nicht mehr in Pakals Gruft hinab, weil unser Atem ihr schadet. Die Entdeckung, so scheint es, ist der leichtere Teil.
Quellen und Literatur
- Inomata, T., Triadan, D., Vázquez López, V. A. et al. (2020): Monumental architecture at Aguada Fénix and the rise of Maya civilization. Nature 582, 530 bis 533. doi.org/10.1038/s41586-020-2343-4
- Auld-Thomas, L., Canuto, M. A., Vázquez Morlet, A. et al. (2024): Running out of empty space – environmental lidar and the crowded ancient landscape of Campeche, Mexico. Antiquity 98(401), 1340 bis 1358. doi.org/10.15184/aqy.2024.148
- Lundell, C. L. (1933): Archeological Discoveries in the Maya Area. Proceedings of the American Philosophical Society 72(3), 147 bis 179.
- Río, A. del (1822): Description of the Ruins of an Ancient City, discovered near Palenque, in the Kingdom of Guatemala. Henry Berthoud, London. archive.org/details/descriptionofrui00roan
- Stephens, J. L. (1841): Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan. Harper & Brothers, New York.
- Stephens, J. L. (1843): Incidents of Travel in Yucatan. Harper & Brothers, New York.
- León y Gama, A. de (1792): Descripción histórica y cronológica de las dos piedras. Imprenta de Don Felipe de Zúñiga y Ontiveros, México.
- Ruz Lhuillier, A. (1973): El Templo de las Inscripciones, Palenque. INAH, México.
- Harris, C. H. & Sadler, L. R. (2003): The Archaeologist Was a Spy – Sylvanus G. Morley and the Office of Naval Intelligence. University of New Mexico Press, Albuquerque.
- López Luján, L. (2020): El ídolo sin pies ni cabeza. La Coatlicue a fines del México virreinal. El Colegio Nacional, México.
- INAH (2023): Se cumplen 71 años del descubrimiento de la tumba de Pakal „el Grande“, en Palenque. Boletín, abgerufen am 10. Juli 2026. inah.gob.mx/boletines/se-cumplen-71-anos-del-descubrimiento-de-la-tumba-de-pakal-el-grande-en-palenque
- INAH (2023): Descubren antigua ciudad maya en Campeche; la nombran Ocomtún, „columna de piedra“. Boletín, abgerufen am 10. Juli 2026. inah.gob.mx/boletines/descubren-antigua-ciudad-maya-campeche-la-nombran-ocomtun-columna-de-piedra
- INAH (2026): Bautizan como Minanbé, „no hay camino“, a ciudad maya virgen al norte de la Biosfera de Calakmul. Boletín vom 22. Juni 2026, abgerufen am 10. Juli 2026. inah.gob.mx/boletines/bautizan-como-minanbe-no-hay-camino-a-ciudad-maya-virgen-al-norte-de-la-biosfera-de-calakmul
- INAH, Proyecto Templo Mayor: Historia del proyecto. templomayor.inah.gob.mx/historia/proyecto-templo-mayor
- Uruñuela y Ladrón de Guevara, G. & Robles Salmerón, M. A.: Los túneles de la Gran Pirámide de Cholula, Puebla. Arqueología Mexicana. arqueologiamexicana.mx/mexico-antiguo/los-tuneles-de-la-gran-piramide-de-cholula-puebla
- Arqueología Mexicana: ¿Usó dinamita don Leopoldo Batres en Teotihuacan? arqueologiamexicana.mx/mexico-antiguo/uso-dinamita-don-leopoldo-batres-en-teotihuacan
- Cuevas García, M. & González Cruz, A.: El siglo XVIII – los exploradores. Arqueología Mexicana, Edición especial 8, 15 bis 29.
- Paillés, M. de la C. & Nieto Calleja, R. (1992): Palenque en el siglo XVIII, primeras expediciones de la Corona Española. Simposio de Investigaciones Arqueológicas en Guatemala.
- Riese, B. (1987): Maler, Teobert. In: Neue Deutsche Biographie, Band 15, 727. deutsche-biographie.de/sfz55869.html
- Ibero-Amerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz: Nachlass Teobert Maler (1842 bis 1917). iai.spk-berlin.de
- Coggins, C. (Hrsg.) (1984): Cenote of Sacrifice – Maya Treasures from the Sacred Well of Chichén Itzá. University of Texas Press, Austin.






