Auf einen Blick
- Ort: Pomuch, ein Dorf mit knapp 10.000 Einwohnern in der Gemeinde Hecelchakán im Bundesstaat Campeche, fast vollständig yukatekische Maya
- Ritual: das Choo Ba’ak (Knochenreinigung), bei dem Familien jährlich die Gebeine ihrer Verstorbenen aus offenen Nischen nehmen, behutsam reinigen und auf bestickte Tücher betten
- Zeitpunkt: die Reinigung erfolgt zwischen dem 25. und 30. Oktober, vor dem eigentlichen Hanal Pixán (Maya-Tag der Toten) am 31. Oktober sowie 1. und 2. November
- Voraussetzung: erst drei Jahre nach der Bestattung werden die Gebeine erstmals exhumiert und in eine offene Holzkiste gebettet, danach jährlich gepflegt
- Status: seit 2017 als Kulturerbe des Bundesstaates Campeche anerkannt, einer der letzten Orte Mexikos, an dem diese Tradition noch lebt
- Kulinarik: Pomuch ist über Campeche hinaus berühmt für sein Brot, vor allem das knusprige Pan de Pichón aus holzbefeuerten Öfen
- Wichtig 2026: die Gemeinde hat sich öffentlich gegen respektlosen Massentourismus gewandt. Wer reist, sollte organisierte Touren meiden, ein möglichst niedriges Profil wahren und ohne Erlaubnis nicht fotografieren
Es gibt in Mexiko keinen zweiten Ort wie Pomuch. Während im übrigen Land der Tag der Toten mit Altären, Cempasúchil-Blüten und nächtlichen Friedhofswachen begangen wird, geht die yukatekische Maya-Gemeinde in diesem kleinen Dorf einen Schritt weiter – sie nimmt einmal im Jahr die Knochen ihrer Verstorbenen in die Hand. Das Ritual heißt Choo Ba’ak, übersetzt etwa „die Knochen reinigen“, und es ist so ungewöhnlich, dass es Pomuch zu einem der bekanntesten Día-de-los-Muertos-Orte Mexikos gemacht hat. Was Außenstehenden makaber erscheinen mag, ist für die Menschen von Pomuch ein Akt tiefer Zärtlichkeit und Fürsorge – eine jährliche Begegnung mit den Vorfahren, eine physische Form der Erinnerung, ein Pflegen der familiären Bindung über den Tod hinaus. Dieser Beitrag erklärt, was hinter dem Ritual steht, wann und wo es zu erleben ist, und warum eine Reise nach Pomuch heute besondere Rücksicht erfordert.
Wo Pomuch liegt – das Maya-Dorf in Campeche
Pomuch ist ein Dorf mit knapp 10.000 Einwohnern in der Gemeinde Hecelchakán, im Norden des Bundesstaates Campeche auf der Yucatán-Halbinsel. Die Bevölkerung ist fast vollständig yukatekisch-maya geprägt, viele sprechen im Alltag Maya, leben in palmgedeckten Häusern und bewahren zahlreiche vorspanische Traditionen. Pomuch liegt etwa 76 Kilometer südlich von Mérida und rund 56 Kilometer nördlich der Stadt Campeche, an der historischen Bundesstraße zwischen beiden Städten, dem sogenannten Camino Real.
Außerhalb der Día-de-los-Muertos-Saison ist Pomuch ein stiller, kaum besuchter Ort, dessen wirtschaftliches Zentrum die Landwirtschaft und das berühmte Bäckereihandwerk sind. Erst in den Tagen Ende Oktober verwandelt sich das Dorf in einen Anziehungspunkt, der nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Das Herz der Tradition ist der Friedhof von Pomuch, der sich von jedem anderen mexikanischen Friedhof unterscheidet. Statt geschlossener Gräber oder Grabsteine dominieren hier kleine, oft bunt bemalte rechteckige Türmchen mit ein bis drei Etagen, gebaut aus Zement oder Stein. In jeder Etage befindet sich eine offene Nische, in der eine Holzkiste mit den Gebeinen eines Verstorbenen steht, sichtbar für jeden, der vorbeigeht. Die Nischen tragen die Namen der Toten und sind mit den Lieblingsfarben und Motiven der Verstorbenen geschmückt.
Choo Ba’ak – der Ablauf der Knochenreinigung
Das Choo Ba’ak folgt einem festen Ablauf, der über Generationen weitergegeben wird und nach Schätzungen mindestens hundertfünfzig Jahre alt ist, mit Wurzeln, die nach Ansicht vieler Forscher bis in die vorspanische Maya-Zeit zurückreichen.
Das Ritual beginnt drei Jahre nach der Bestattung. Erst dann sind die Weichteile vollständig zerfallen und die Gebeine trocken genug, um sie zu entnehmen. Bei der ersten Exhumierung werden die Knochen aus dem Erdgrab geholt, vom Staub befreit und in eine offene Holzkiste umgebettet, die in der Familiennische des Friedhofs ihren dauerhaften Platz findet. Von diesem Zeitpunkt an wiederholt sich die Reinigung jedes Jahr.
In den Tagen zwischen dem 25. und 30. Oktober kommen die Familien auf den Friedhof. Die Reinigung folgt einer festen Reihenfolge – zuerst wird die Kiste selbst gesäubert, dann das Tuch ausgetauscht, schließlich werden die Knochen einzeln entnommen und mit einer weichen Bürste oder einem Tuch vom Staub des vergangenen Jahres befreit. Man beginnt bei den größeren Knochen, den Beinen und Armen, und arbeitet sich bis zum Schädel vor. Die gereinigten Gebeine werden auf ein frisches, oft handbesticktes Tuch gebettet, das den Namen des Verstorbenen und manchmal florale Motive oder Symbole seiner Vorlieben trägt. Dieser jährliche Wechsel des Tuchs hat sogar einen eigenen Namen, Heel Nook’oo‘, den „Wechsel der Kleidung“.
Die Atmosphäre dabei ist nicht düster, sondern von einer ruhigen Innigkeit. Familien reinigen die Knochen „zwischen Lachen, Scherzen und Anekdoten über den, den sie nun entstauben“, wie ein lokaler Bericht es beschreibt. Manche sprechen mit den Verstorbenen, erzählen ihnen vom vergangenen Jahr, andere verbringen den Moment in stiller Andacht. Kinder werden von klein auf in das Ritual einbezogen und lernen so eine Haltung zum Tod, die ihn als natürlichen Teil des Lebenszyklus begreift. Eine lokale Vorstellung besagt, dass ein schlecht gepflegter Verstorbener „zornig werden und verloren durch die Straßen wandern“ könnte, was dem Ritual eine zusätzliche Verpflichtung verleiht.
Bezahlte Knochenreiniger wie der langjährige Friedhofsmitarbeiter Don Venancio Tuz Chi übernehmen die Pflege für Familien, die selbst nicht dazu in der Lage sind, gegen eine geringe Gebühr von wenigen Pesos pro Skelett.
Hanal Pixán – der Tag der Seelen auf der Halbinsel
Das Choo Ba’ak ist die Vorbereitung auf das eigentliche Fest, das Hanal Pixán, was in yukatekischem Maya „Speise der Seelen“ bedeutet und die halbinseltypische Variante des Día de los Muertos ist. Auf der gesamten Yucatán-Halbinsel, in Yucatán, Campeche und Quintana Roo, kehren nach diesem Glauben die Seelen der Verstorbenen in drei Etappen zurück.
Am 31. Oktober, dem Mehen Pixán oder U Hanal Palal, kommen die Seelen der verstorbenen Kinder. Am 1. November folgen die erwachsenen Verstorbenen, am 2. November alle Seelen gemeinsam. Die Familien bauen in ihren Häusern Altäre auf, geschmückt mit Cempasúchil-Blüten, Kerzen, Fotos der Verstorbenen und ihren Lieblingsspeisen. Auf dem Altar darf das Mucbipollo nicht fehlen, auch Pib genannt, ein großes Mais-Tamal mit Huhn oder Schwein, Achiote und Tomate, das in Bananenblätter gewickelt und in einem Erdofen gegart wird. Dazu kommen Saka (ein leicht gesüßtes Maisgetränk), heiße Schokolade und Atole. Für die Kinderaltäre backen die lokalen Bäcker spezielle Pan de Muñequitos, Brote in Form kleiner Figuren.
Den Auftakt des Festes markiert das Paseo de Pixanes am 31. Oktober, eine Prozession durch den Ort, die die Seelen offiziell willkommen heißt.
Das Brot von Pomuch – Pan de Pichón und die Holzöfen
Wer nach Pomuch reist, sollte sich nicht nur auf das Ritual konzentrieren, denn das Dorf ist über die gesamte Halbinsel hinaus für eine ganz andere Spezialität berühmt – sein Brot. Pomuch zählt zu den bekanntesten Brotbäckerorten Campeches, mit zahlreichen kleinen Familienbäckereien, die ihre Brote bis heute in holzbefeuerten Öfen backen.
Das berühmteste Produkt ist das Pan de Pichón, ein knuspriges, leicht süßes Brot mit einer charakteristisch goldbraunen Kruste, das frisch aus dem Holzofen einen unverwechselbaren Geschmack hat. Während der Hanal-Pixán-Saison backen die Öfen rund um die Uhr, weil das Brot ein zentraler Bestandteil der Altäre und der Festtafel ist. Ein Besuch in einer der Bäckereien, in denen man dem Bäcker beim Arbeiten am Holzofen zusehen kann, gehört für viele zu den schönsten und unaufdringlichsten Erfahrungen eines Pomuch-Besuchs.
Eine ehrliche Bitte der Gemeinde – Tourismus und Respekt
Hier gehört eine wichtige und aktuelle Anmerkung in jeden ehrlichen Reise-Hinweis zu Pomuch. Mit der wachsenden nationalen und internationalen Bekanntheit des Choo Ba’ak hat sich in den letzten Jahren ein Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Tourismus entwickelt, das 2025 erstmals offen ausgetragen wurde.
Mehrere Bewohner von Pomuch haben sich öffentlich darüber beklagt, dass Touristen während des Rituals drängeln und schubsen, um nah an die geöffneten Nischen zu kommen, und dass sie dieses Verhalten als eine Form der Gewalt gegen ihre Kultur empfinden. Ein Bewohner brachte es auf die Formel, es sei „Aufgabe der Regierung, unsere Traditionen zu schützen, nicht schnelles Geld aus ihnen zu machen“. Hinzu kommt, dass der wirtschaftliche Nutzen des Tourismus kaum in der Gemeinde selbst ankommt, weil der Großteil der Einnahmen an externe Tour-Operatoren fließt. Eine während des Hanal Pixán erhobene Eintrittsgebühr von rund 30 Pesos hat die Debatte zusätzlich angeheizt.
Für Reisende ergibt sich daraus eine klare Haltung. Wer das Ritual wirklich respektieren möchte, folgt den Wünschen der Einheimischen. Das bedeutet konkret – organisierte Bustouren meiden, die Familien beim Reinigen nicht bedrängen, niemals ohne ausdrückliche Erlaubnis fotografieren, ein möglichst niedriges, zurückhaltendes Profil wahren und sich bewusst machen, dass man Gast bei einem intimen religiösen Familienritual ist, nicht Besucher einer Touristenattraktion. Wer diese Haltung nicht aufbringen kann, sollte besser fernbleiben. Die Hanal-Pixán-Saison auf der gesamten Halbinsel bietet mehr als genug andere Möglichkeiten, das Fest respektvoll zu erleben, etwa den Paseo de las Ánimas in Mérida oder die Altäre und Wachen in den größeren Städten, wo der öffentliche Charakter der Feier den Besuch von Gästen ausdrücklich einschließt.
Anreise und beste Zeit
Pomuch ist 2026 unkomplizierter erreichbar als früher. Die nächstgelegene Tren-Maya-Station ist Hecelchakán, etwa 8 Kilometer entfernt, von wo aus ein Taxi oder Colectivo ins Dorf bringt. Mit dem ADO-Bus bestehen Verbindungen aus Mérida (etwa eineinhalb Stunden) und aus Campeche (etwa eine Stunde). Mit dem Mietwagen ist Pomuch von Mérida in rund eineinhalb Stunden, von Campeche in etwa einer Stunde über die Bundesstraße erreichbar.
Die Tradition des Choo Ba’ak ist ausschließlich in den Tagen zwischen dem 25. Oktober und dem 2. November zu erleben, mit der Knochenreinigung in der Woche davor und dem Hanal Pixán am 31. Oktober bis 2. November. Außerhalb dieser Zeit ist der Friedhof zwar zugänglich und die offenen Nischen sind ganzjährig sichtbar, das eigentliche Ritual findet aber nur einmal im Jahr statt.
Wer die Brot-Tradition erleben möchte, kann Pomuch das ganze Jahr über besuchen, denn die Bäckereien arbeiten ganzjährig. Eine Kombination mit der nahen Maya-Stätte und Kolonialstadt Hecelchakán, dem Camino Real und der weiter südlich gelegenen Festungsstadt Campeche bietet sich für eine Rundreise an.
Quellen und Literatur
- Hernández Patricio, P., Rea Sunza, M., Rodríguez Iglesias, P. (2023): Hanal Pixán – limpieza de huesos, tradición única en Pomuch. Vita Brevis, revista del INAH. revistas.inah.gob.mx/index.php/vitabrevis
- Gobierno del Estado de Campeche (2017): Declaratoria de Patrimonio Cultural del Estado – el ritual del Choo Ba’ak en Pomuch. campeche.gob.mx
- Yucatán Magazine (2025): Pomuch residents to tourists – stay away during sacred Choo Ba’ak ritual, 23. Oktober. yucatanmagazine.com/choo-baak-pomuch
- El Imparcial (2025): Pomuch, el pueblo de Campeche donde limpiar los huesos de los difuntos es una tradición de amor y respeto, 26. Oktober. elimparcial.com/mexico/2025/10/26/pomuch-el-pueblo-de-campeche-donde-limpiar-los-huesos-de-los-difuntos
- El Heraldo de México (2023): Choo Ba’ak – así es la tradición de limpieza de huesos. heraldodemexico.com.mx/cultura/2023/10/29/choo-baak-asi-es-la-llamativa-tradicion-de-limpieza-de-huesos
- Milenio (2023): Hanal Pixán – así se celebra el Día de Muertos en Campeche. milenio.com/estados/hanal-pixan-como-se-celebra-dia-de-muertos-campeche
- México Desconocido (2023): Limpieza de huesos – un acto de amor en Pomuch. revistadigital.mx/mexicodesconocido/limpieza-de-huesos-unacto-de-amor-en-pomuch
- Atlas Obscura (2026): Pomuch Cemetery. atlasobscura.com/places/pomuch-cemetery
- Yucatán Times (2025): Pomuch, Campeche honors the dead with ancient bone-cleaning ritual during Day of the Dead. theyucatantimes.com/2025/10/pomuch-campeche-honors-the-dead-with-ancient-bone-cleaning-ritual






